Thesen von Univ.-Prof. Horst Jürgen Helle, München.
In: Leben & Erziehung, Heft 7, 1983, S. 32-33.
Von einer Wende in der Familienpolitik durch die neue Regierung ist viel die Rede. Die bisher getroffenen Maßnahmen erscheinen vielen jedoch nur ein Flickwerk. Eine neue Konzeption fehlt. Auf einem Symposion der Konrad-Adenauer-Stiftung hat Prof. Horst Jürgen Helle, München, mit Thesen Aufsehen erregt, in denen er klare Wertentscheidungen der Politiker als Voraussetzung für eine tragende Familienpolitik fordert. Chefredakteur Dr. Oertel unterhielt sich mit Prof. Helle, der seine Thesen für L&E in folgender Weise wissenschaftlich begründete und formulierte.
Jeder Zeitungsleser weiß um die wachsende Zahl alleinerziehender Mütter. In der Osternummer des Rheinischen Merkur vom 1. April 1983 beginnt der Beitrag von Mascha M. Fisch auf Seite 29 so: "An diesem Abend fand die kleine Brigitte keinen Schlaf. Mit ihrer Lieblingspuppe Mona im Arm lag die Vierjährige im Bett und starrte auf die Lichtschatten an der hellen Tapete. Der Papi wird dich jetzt nicht mehr ins Bett bringen', hatte die Mutter vorhin gesagt: Papi wohnt jetzt woanders, nicht mehr hier bei uns. Zu den rund 120 000 Scheidungen pro Jahr, von denen Fisch berichtet, muß man freilich die Frage stellen, bei wie vielen von ihnen Vaterlosigkeit die Folge, und bei wie vielen sie die Ursache der Scheidung ist. Denn immer mehr Mütter verzweifeln in unseren Tagen darüber, daß ihnen der Mann fehlt, der an ihrer Seite Vaterschaft vorlebt.
Die zweite, neben Vaterschaft heute am schärfsten diffamierte Institution, ist die Monogamie, die mit Vaterschaft ganz eng zusammenhängt. In der Alltagswirklichkeit unserer schulischen und sonstigen Ausbildungsinstitutionen und der Familie gerät die junge Frau im Alter von 16 bis 18 Jahren in den Bannkreis zweier verschiedener Einflüsse, die sie von einer möglicherweise vorhandenen Bereitschaft zu Monogamie und Mutterschaft immer weiter entfernen: zum einen erwarten Eltern, Erwachsene und Gleichaltrige für die junge Frau eine ähnlich zeitraubende außerfamiliale Berufsausbildung, wie der junge Mann sie durchläuft, zum anderen erwarten die Angehörigen der Jugendkultur eine immer frühere Aufnahme des vollen Geschlechtsverkehrs als Beweis psycho-sozialer Normalität. Je früher es zum Geschlechtsverkehr kommt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Institution der Monogamie im Leben der betreffenden Frau verwirklicht werden wird. Von der Suche nach dem möglichen Vater eigener Kinder bleibt nur die Suche nach dem geeigneten Sexualpartner. Damit ist aber die Herauslösung der Sexualität aus dem Bereich von Ehe und Familie vollzogen.
Aber auch weniger eindeutig als sexuelle Interessen vorgetragene Anliegen haben diesen Hintergrund: zu dem Auszug Jugendlicher aus dem Elternhaus in die vorübergehende Zweisamkeit der Einzimmerwohnung oder ins solidarische Kollektiv des instandbesetzten Hauses gehört diese Komponente. Auch in den immer wieder heißen Auseinandersetzungen um eine gesetzliche Regelung des Schwangerschaftsabbruchs äußert sich letztlich das Interesse an sexueller Freiheit auf der einen und an Einbindung der Sexualität in Ehe und Familie auf der anderen Seite.
Man muß wohl in dieser Auseinandersetzung eine kulturelle Weichenstellung von fundamentaler Bedeutung sehen: Organisiert sich ein Teil des Staatsvolkes zur Wahrnehmung seiner sexuellen Interessen außerhalb von Ehe und Familie, dann wird man auf die Dauer auch eine Quasi-Ehe unter Homosexuellen gesetzlich regeln müssen, es sei denn, der Staat fühlt sich an das Verfassungsgebot in Artikel 6 des Grundgesetzes in der Weise gebunden, daß legitime Sexualität durch Entscheid des Bundesverfassungsgerichts in Ehe und Familie zurückgeholt werden muß. Angesichts der Geburtenstatistik der Bundesrepublik ist wohl die Frage nach Einbindung von legitimer Sexualität in Ehe und Familie oder ihrer Entlassung daraus langfristig eine Frage des Fortbestands des Staatsvolkes.
Unsere in den Parlamenten der Bundesrepublik Deutschland artikulierte Politik hat bisher dazu geneigt, Wertvorstellungen des Wahlvolks als Daten hinzunehmen, gleichsam als Kollektivwillen des Souveräns, dem sich Parteien und Parlamentarier unterzuordnen hatten. Der Einzug der Abgeordneten der Grünen in den Deutschen Bundestag könnte jedoch ein Signal dafür sein, daß der Wertedissens innerhalb der Bevölkerung eine kritische Schwelle überschritten hat, und daß unterschiedliche Wertvorstellungen als Aspekt der politischen Realität in Zukunft stärker beachtet werden müssen.
Der ganze Bereich der Ethik oder der Werte ist darum so unübersichtlich geworden, weil viele den Blick für die Zusammenhänge verloren haben. Der Mensch ist frei in der Wahl eines ethischen Konzepts, doch jede solche Wahl hat zahllose Konsequenzen: man entscheidet sich niemals nur für diese oder jene Einzelheit, sondern, gleichgültig ob man das will oder nicht, stets zugleich für oder gegen einen großen Zusammenhang ethischer Forderungen.
Die in der Öffentlichkeit diskutierten Überlegungen zur Familienpolitik aller im Bundestag vertretenen Parteien sind übereinstimmend gekennzeichnet durch Kurzatmigkeit, Oberflächlichkeit und Konzeptionslosigkeit. Daß Ehe und Familie außer mit Jugend und Gesundheit auch etwas mit Kultur und Überleben zu tun haben könnten, ahnen nur wenige unserer Politiker. Wenn sich jemand im Bereich der Politik und übrigens auch der Kirchen voller Sorge der Thematik "Ehe und Familie" zuwendet, so bewegen sich seine Überlegungen durchweg im Singular: man müsse etwas für die Ehe und etwas für die Familie tun. Solchem Denken fehlt die Trennschärfe, es ist wie das Geräusch im Lautsprecher, das man lauter oder leiser stellen kann, das man aber damit doch nicht entschlüsselt! Die Familie im Singular gibt es bei uns längst nicht mehr: mehrere Formen der Familienkultur sind faktisch in den Wohlstandsgesellschaften demokratisch-freiheitlicher Industriekultur ko-existent, und Familienpolitik, die nicht Überlegungen dazu einschließt, welche Form der Familie denn gefördert werden soll, ist eine Farce! Sie muß sich die Frage vorlegen lassen, ob sie eher von Mangel an Klugheit oder von Mangel an Mut getragen wird.
Die Bundesrepublik Deutschland ist eine Industriegesellschaft, die den traurigen Rekord aufgestellt hat, ihre Geburtenrate von 1965 bis 1975, also in einem einzigen Jahrzehnt, trotz Wohlstands und tiefsten Friedens zu halbieren, ein Umstand übrigens, der die Rentenversicherungen vor unlösbare Aufgaben stellt. Ein Ausweg kann dennoch gefunden werden, wenn es gelingt, Familienpolitik als Kulturpolitik zu betreiben und an dem Wertsystem zu orientieren, das den Menschen nicht zu primitiv einschätzt als daß er Christ sein könnte. Zugegeben, das christliche Wertsystem ist das komplizierteste und daher das unwahrscheinlichste. Seine institutionellen Komponenten hatten wir erarbeitet: kulturelle Vaterschaft und Monogamie. Beide setzten bei Mann und Frau die Fähigkeit zur Askese voraus. Der Religionssoziologe Max Weber hat eine "Theorie der Stufen und Richtungen religiöser Weltablehnung" durch die Gegenüberstellung von Askese und Mystik entwickelt. Der Asket muß sich in der Welt durch sein Handeln bewähren, der Mystiker dagegen zieht sich von der Welt und von seinem eigenem Handeln darin in Meditation und Kontemplation zurück.
Zu der Forderung nach einer langfristigen Familienpolitik als Kulturpolitik gehören die folgenden Thesen:
Freiheitliche, demokratische Politik als verantwortungsbewußte Führung der Staatsgeschäfte kann nicht darin bestehen, das Volk im trüben Durcheinander individueller Handlungsmöglichkeiten herumirren zu lassen. Vielmehr muß der Politiker klare Alternativen aufzeigen, die dann dem Wähler zur Entscheidung vorgelegt werden. Zur Familienpolitik lassen sich folgende Alternativen vortragen: