Ludwig-Maximilians-Universität München  

  Dead Sociologists Society

 


Hans Freyer (1887-1969)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für Hans Freyer (1887-1969) hat das Zeichen seine Bedeutung unabhängig vom Verstanden-werden, und als ob er sich ausdrücklich auf Mead beziehen wollte, schreibt Freyer: "Genau wie diese realen und idealen Sachverhalte, so bestehen jene Sinngehalte keineswegs in den Akten, in denen sie seelisch realisiert werden, sondern transzendieren sie und werden in ihnen nur vollzogen" (H. Freyer 1928: 18). Bevor Freyer sich speziellen Problemen soziologischen Verstehens zuwendet, stellt er der Autonomie und der Eigengesetzlichkeit des Geistigen als der einen bedeutsamen Größe den Gegenpol der Beziehung zwischen Selbst und gegenständlicher Welt gegenüber, also jene Thematik, die Mead vor allem interessiert.
"Mitten in dem unaufhörlichen Wechsel der seelischen Vorgänge bleibt eines konstant: das Korrelatverhältnis des Selbst und der gegenständlichen Welt. Die eine gegenständliche Welt, die für alle da ist, die vor mir war und nach mir sein wird, steht als Begrenzung, als Richtpunkt, als Gegenstück meinem Selbst gegenüber" (Ebd.: 22).
Der die Individuen verbindende objektive Effekt der gegenständlichen Welt beruht darauf, dass sie für alle da ist. Sie ermöglicht - wie bei Alfred Schütz - räumliches und zeitliches Koexistieren, schafft nicht nur intersubjektive Bindungen, sondern auch historische Kontinuität, da sie die Lebenszeit des Individuums transzendiert. Wenn aber das erkennende Individuum der gegenständlichen Welt gegenübertritt in der Absicht, deutend zu verstehen, muss es vordem wissen, welche Beziehungen zwischen den in Erscheinung tretenden Äußerungen und dem dadurch allein zugänglich werdenden "Seelentum" bestehen.
"Der Lebensvorgang, der zwischen Erlebnis, Ausdruck und Verstehen stattfindet, ist auf seine Struktur zu analysieren. Der notwendige Zirkel, der darin liegt, dass wir jede Äußerung nur durch Unterlegung eines eigenschaftlich bestimmten Seelentums zu deuten vermögen, andererseits von diesem Seelentum nur durch die Äußerung wissen, ist ins Bewusstsein zu heben und dadurch unschädlich zu machen" (Ebd.: 8. Zur Wiederentdeckung des hermeneutischen Zirkels vgl. auch: A.V. Cicourel 1964: 37). Der Lösung dieser Aufgabe wendet sich Freyer zu, indem er die Formen der Vergegenständlichung von Bedeutung stufenweise darstellt.
Da ist zunächst das Beispiel der auf den Tisch niedersausenden Faust. Hierbei handelt es sich um die Objektivation subjektiven Geistes, um die volle psychische Realität individueller Wut, die sich in dem Faustschlag ausdrückt. Als Zeichen ist die niedersausende Faust Ausdrucksbewegung. Der Arm, der mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Bahnsteig deutet, von dem der gesuchte Zug abfahren soll, ist eine hinweisende Gebärde. Die Theorie des objektiven Geistes, die Hans Freyer als Zeichentheorie entfalten will, folgt der Entwicklung auf dem Wege zunehmender Distanz vom subjektiven Befinden. In der Abfolge der verschiedenen Zeichentypen wächst der Abstand zum Subjekt und damit der Grad der Objektivität. So wird es Freyer möglich, verschiedene Objektivationsstufen voneinander zu unterscheiden:
"Der vorauseilende Führer kann der nachfolgenden Schar durch Gebärden kundtun, welchen Weg sie gehen sollen. Er hat die Nachfolgenden aus dem Gesicht verloren und will nicht warten, so malt er etwa einen Pfeil auf den Weg, markiert die Bäume oder errichtet einen Wegweiser" (H. Freyer 1928: 31).
Damit hat er den eigenen Körper durch einen sinnhaltigen Gegenstand ersetzt: der Wegweiser ist objektiver Geist. Von Zeichen dieser Objektivationsstufe können Wirkungen ausgehen wie von einer Person: der Hut Geßlers steht stellvertretend für den gefürchteten Landvogt.
Die Inhalte der Nachrichten 'dort ist der Bahnsteig' oder 'hier entlang führt der Weg' sind wenig komplex. Wirklich problematisch wird die Methode des Verstehens ja erst, wenn der Interpretation mehr Spielraum gelassen wird als bei der Betrachtung eines Wegweisers. Hans Freyer verlässt daher die Ebene der Konfrontation des Subjekts als Selbst mit der gegenständlichen Welt der Objekte und wendet sich den verschiedenen Geistessphären zu. Die Entstehung von Objektivität erklärt er dann als das Hineinrücken eines Denkinhalts in die ihm bestimmte Geistessphäre, die von den ihr eigenen Gesetzmäßigkeiten charakterisiert ist. Es gibt z.B. fachunabhängige interdisziplinäre Gesetzmäßig-keiten, anhand derer sich entscheiden lässt, welche Denkinhalte der Wissenschaft zugerechnet werden können und welche nicht. Subjektives Denken des Individuums begibt sich nun dadurch in den Bereich objektiven Geistes, dass es sich den Gesetzmäßigkeiten einer bestimmten Denksphäre einordnet.
Solche Denksphären sind 'Welten' mit je eigenem Objektivitätscharakter. "Als autonome, von innen her zusammengehaltene Zusammenhänge mit eigenem kategorialen Gefüge tragen sie sich gleichsam selbst, genau wie die Welt des gegenständlichen Auffassens sich selbst trägt. Sie sind den Akten, in denen sie erwachsen, emanzipiert und haben ihren Bestand unabhängig davon, ob und wie oft sie von neuen seelischen Akten wieder aufgenommen und nachrealisiert werden. Sie transzendieren den Erlebniszusammenhang, werden von ihm nur vorgefunden, sie sind aber nicht auf ihn angewiesen, analog wie der Baum vor meinem Fenster dasteht, auch wenn ich nicht hinsehe" (Ebd.: 34ff).
Als Beispiel nennt Freyer die Welt der Religiosität, die Wissenschaft und die ästhetische Sphäre. Innerhalb jeder dieser 'Welten' besteht ein objektiver Zusammenhang rein immanenter Beziehungen, aus dem sich Sinngehalte verstehend herausheben lassen, "die nicht konkret seelischer, sondern rein gegenständlicher Natur sind" (Ebd.). Solche Sinngehalte können in einem Zeichenkomplex ausgedrückt werden.
Die Entstehung von Zeichen ist eine Sonderform des allgemeinen Objektivierungsvorgangs, in dessen Verlauf sich überpersonale Regelmäßigkeiten verfestigen. Das Besondere der Zeichenbildung muss darin gesehen werden, dass sich im Zeichen zusammen mit den überpersonalen auch individuell-personale Aussagen verfestigen. "Um diese beiden Arten von Sinngehalt, die wir in den objektiv-geistigen Gebilden immer verbunden finden, bequemer trennen zu können, differenziere ich von jetzt an die Begriffe 'Ausdrücken' und 'Bedeuten', ich sage, dass die Zeichenkomplexe etwas Seelisches ausdrücken, etwas objektiv Geistiges bedeuten. Die auf die Auffindung des ersten Sinngehalts gerichtete Fragestellung und Methodik nenne ich physiognomische, die auf Auffindung des zweiten gerichtete nenne ich gegenständliche Hermeneutik" (Ebd.).
Die uns zu verstehen aufgegebenen Kulturobjekte haben also stets zwei Sinngehalte mitzuteilen, meint Freyer: Der eine stellt den Ausdruck von etwas Individuellem dar, der andere gibt die Bedeutung von etwas Kollektivem, d.h. objektiv Geistigem wieder. Das ergibt sich aus dem Prozess der Objektivation, denn "die rein gegenständlichen Sinngehalte, wie sie durch die Geburt der objektiven Welten möglich geworden sind, lösen sich von den seelischen Akten ihrer Entstehung los, werden unabhängig von ihnen, und die schließlich dastehenden Zeichenkomplexe tragen nunmehr, nebeneinander gewissermaßen und trennbar durch zweierlei Richtungen des Verstehens, zwei Sinngehalte in sich; so wie der Wegweiser allerlei von seinem Verfertiger erzählte, unabhängig davon aber kategorisch bedeutet: dort geht der Weg!" (Ebd.: 44).
Je intensiver Freyer gedanklich dem Prozess der Objektivation nachgeht, desto mehr nähert sich seine Argumentation der von George Herbert Mead an. Es gibt für Freyer einerseits die Welt des seelischen Lebens als subjektive Innenwelt der Individuen, sodann gibt es andererseits die Welt der materiellen Natur als eine dem Menschen äußerliche, und schließlich gibt es drittens die Welt der Kulturobjekte, die als durch die Verschmelzung der beiden Bereiche zum objektiven Geist entstanden gedacht werden kann.
Die Verschmelzung ist nur als Handlungsergebnis denkbar, und tatsächlich gesteht Freyer das Reflektieren auf die 'Akte' zu, die dahin geführt haben. "Ein geistiger Bedeutungsgehalt ist zur Form objektiviert, das soll uns also nunmehr heißen: er hat sich aus den Akten, in denen er gelebt wird, losgelöst, er hat eine erlebnistranszendente Existenz gewonnen, gleichgültig ob durch äußerliche Verkörperung oder in der sublimeren Form einer Regelhaftigkeit, die die aktuellen Erlebnisse in ihre Bahnen zwingt. Jede solche Form ist irgendwann einmal in seelischen Vorgängen zuerst realisiert worden; das wäre nun wirklich pure Metaphysik, sie anderswo herkommen zu lassen" (Ebd.: 53). Freyers Beispiel hierzu ist der Fasttag, den zunächst ein einzelner Mensch spontan hält, der aber dadurch, dass er zur Sitte wird, als objektive Form mit Geltungsanspruch wirkt (Vgl. dazu auch Simmels Bemerkungen zur Objektivation in der Musik, in: H.J. Helle 2001: 47f).
Hans Freyers Ansatz soll der Entwicklung einer systematischen Kulturphilosophie als Theorie der kulturellen Welt dienen. Wenn sich zeigen lässt, wie objektiv gültige Bedeutungskomplexe entstehen, dann müsste sich auch zeigen lassen, wie sie zu verstehen sind. Für George Herbert Mead ist die Gestalt der lebendigen Beziehungen zwischen Organismus und physischer Natur der Inhalt der Wahrnehmung. Für Freyer verschmelzen subjektive Innenwelt der Individuen und materielle Natur zu bedeutungsträchtigen Kulturobjekten. Annähernd der gleiche Vorgang erscheint bei Mead als Wahrnehmung, als Entschlüsselung von Bedeutung, und bei Freyer als Objektivation, als Entstehung von Bedeutung. Dass damit beide Autoren je einen der Grundpfeiler gebaut haben, über die sich die Brücke des Verstehens konstruieren lässt, zeigt sich, wenn Mead und Freyer zu den speziellen Fragen der Sozialwissenschaften Stellung nehmen.
Entnommen aus: H. J. Helle: Theorie der Symbolischen Interaktion - Ein Beitrag zum Verstehenden Ansatz in Soziologie und Sozialpsychologie. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2001, S. 30-35.
Hans Freyer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Horst J. Helle