Horst Jürgen Helle

Glaubensinhalte und Familienformen

In: Klaus Dieter Wolf (Hg.): Glaube und Gesellschaft. Festschrift für Wilhelm Kasch, Bayreuth 1981, S. 341-347.

Der Gebetsbeginn »Vater unser im Himmel ... « enthält sowohl einen Hinweis auf Glaubensinhalte als auch auf eine Beziehungsqualität, die aus der Familie stammt. Die Anhänger des christlichen Glaubens stellen sich ihren Gott als Vater und als Sohn vor und schließen sogar die Beziehung zwischen Vater und Sohn in ihren Glauben ein. Allgemein kann man an unterschiedlichen Religionen beobachten, daß sie auf der Verkündigung von Glaubensinhalten beruhen, zu denen Aussagen über die Beziehungen zwischen göttlichen oder heiligen Personen gehören. Solche Personen werden im Glauben der betreffenden Religion als Väter, Mütter, Söhne, Töchter, Brüder oder Schwestern beschrieben. Die Beziehungen, in denen sie stehen, verbinden sie zu »Heiligen Familien«. Am Schnittpunkt zwischen Religionssoziologie und Familiensoziologie läßt sich die Frage formulieren, in welcher Wechselbeziehung »heilige« und »irdische« Familien zueinander stehen. Die Familie als Glaubensinhalt kann von der Familie als weltliche Wirklichkeit so grundverschieden sein, daß sie die Wirkung eines Vorbilds gar nicht haben kann, sondern im Gegenteil nach dem Satz »quod licet Jovi, non licet bovi« gerade das sichtbar werden läßt, was den Menschen in ihrem Familienleben auf der Erde unzugänglich bleiben muß. Andererseits kann man auch die Hypothese von einer notwendigen Strukturverwandtschaft zwischen Familie des Glaubens und Familie des Lebens aufstellen, nach der bestimmte Glaubensinhalte nur von jenen Menschen angenommen werden, die wesentliche Grunderfahrungen ihres eigenen Familienlebens als Inhalte ihres Glaubens wiedererkennen können.

Unter dem Gesichtspunkt der Wechselbeziehung zwischen Glaubensinhalten und Familienformen müßte auch die Vaterlosigkeit durchdacht werden, die in der modernen Familie in den Industriegesellschaften der Gegenwart häufig gegeben ist. Auf das Fehlen einer Entsprechung zwischen Familienerfahrung im Leben und Glaubensinhalt durch Vaterlosigkeit wird vermutlich in zweierlei Weise reagiert werden: Entweder kann fehlende Vatererfahrung im Alltag durch verstärkte Hinwendung zu dem Leitbild des Glaubens ausgeglichen werden, oder die Vaterlosigkeit der Welt wird zur Vaterlosigkeit im Glauben. Die zweite Alternative bedeutet einen Wandel des Gottesbildes: Gott wird verstanden als Geist, als Liebe, als viel zu vollkommen, denn daß ihm die notwendig einseitig männlichen Züge einer Vaterfigur zugeschrieben werden dürften. Gott ist auch Mutter. so bekennen heute viele Christen ihren Glauben. Damit wäre die Trinität an die vaterlose Familie angepaßt, und man müßte sein Gebet eigentlich sprechen „im Namen der Mutter und des Sohnes und des heiligen Geistes“.

Ein Vergleich der Beschreibungen von Familien und Verwandtschaftsverbänden in verschiedenen Kulturen, wie ihn die Forschungsergebnisse der Völkerkunde zulassen, führt zu der Einsicht, daß Menschen in unterschiedlichen Familienformen leben. Zwar erweckt eine oberflächliche Betrachtung des Personalbestandes den Eindruck, als ob übereinstimmend in allen Kulturen das Normalmodell für den inneren Kern des Verwandtschaftsverbandes eine Kleingruppe aus erwachsenem Mann, erwachsener Frau und unmündigen Kindern sei. Dieser Eindruck ist zwar zutreffend, aber auch unzureichend. Denn der erwachsene Mann, der an der Seite einer Mutter kleiner Kinder lebt, um ihr und den Kindern bei der Bewältigung des zumeist harten Existenzkampfes zu helfen, kann der Frau aufgrund von zwei ganz verschiedenen Gegebenheiten verbunden sein: Er kann entweder eine Ehe oder eheähnliche Beziehung mit ihr eingegangen sein oder er kann in demselben Verwandtschaftsverband wie sie aufgewachsen sein. Der männliche Beistand der Mutter ist im ersten Fall ihr Sexualpartner, im zweiten Fall ist er Bruder ihrer Mutter, eigener Bruder oder erwachsener Sohn. Mann und Frau sind einander verbunden durch je ein Ereignis von ebenso vitaler wie symbolischer Bedeutung: im ersten Fall durch die körperliche Vereinigung im Geschlechtsakt, im zweiten Fall durch den körperlichen Vorgang der Geburt. Durch jedes der beiden Ereignisse sind die Beteiligten zu Mitgliedern ihres Verwandtschaftsverbandes geworden, und zwar einmal als Eheleute, das andere Mal als Blutsverwandte.

Das zweite Modell, in dem die Betreuung unmündiger Kinder nicht von dem leiblichen Vater sondern von einem Blutsverwandten der Mutter wahrgenommen wird, vermutet man zunächst in Kulturen, die entweder geographisch oder historisch weit von uns entfernt sind. Doch darf nicht übersehen werden, daß diese Familienform in der Bundesrepublik Deutschland der Gegenwart durchaus auch vorkommt. Das soll anhand des folgenden Fallbeispiels illustriert werden: Die fünfundzwanzigjährige Gerda studiert in einer süddeutschen Großstadt und erwartet ein Kind von einem um zehn Jahre älteren Musiker. Der Musiker verlangt die Abtreibung, in die Gerda zunächst auch einwilligt. Ein Gespräch mit einer religiös engagierten Freundin stimmt Gerda jedoch um, und sie beschließt gegen den erbitterten Widerstand des Musikers, das Kind zur Welt zu bringen. Sie findet Verständnis und Unterstützung bei ihrer geschiedenen Mutter und bei ihren ebenfalls erwachsenen Geschwistern. Ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder, der auch studiert, zieht mit Gerda zusammen in eine kleine Wohnung, und Bruder und Schwester bereiten sich gemeinsam auf die Geburt und Betreuung des Kindes vor.

Das Phänomen der Vaterlosigkeit wird an diesem Fallbeispiel sehr deutlich. Ganz offenkundig wird das erwartete Kind nach seiner Geburt der Familie seines Erzeugers nicht angehören. Der Mutter steht es rechtlich frei, bei der Geburt den Namen des Vaters ungenannt zu lassen. so daß der Musiker in den Personalpapieren des Neugeborenen nicht auftauchen wird. Wenn unsere Rechtsordnung die Möglichkeit offenhält, daß ein Kind den Namen seines Erzeugers niemals erfährt, daß in seiner Geburtsurkunde nur die Mutter genannt ist, dann folgt daraus. daß unter uns Mitbürger leben. die nur Verwandte mütterlicherseits, jedoch keine Verwandten väterlicherseits haben.

Dazu kommt es nicht nur durch uneheliche Geburten, also weil eine Ehe gar nicht erst bestanden hat, sondern auch durch das nachträgliche Entfallen einer Ehe, durch Ehescheidung also. Meistens bleiben kleinere Kinder nach der Scheidung bei der Mutter, so daß die verwandtschaftlichen Bindungen zur Familie des Vaters problematisch werden oder gar verloren gehen können. Wir hatten z. B. im Jahre 1975 in der Bundesrepublik jährlich mehr als l00 000 Ehescheidungen und nach veralteten Zahlen gibt es mehr als 600 000 alleinerziehende Mütter bei uns, die ohne Mitwirkung des Vaters ihr Kind oder ihre Kinder betreuen. Zu diesem Personenkreis gehört auch der Fall Gerda.

Aus den Beschreibungen von Eingeborenenkulturen kennen wir den Typ einer Abstammungsordnung. in der es als normal und einzig richtig vorgesehen ist, daß jeder nur mit dernjenigen verwandt ist, der dieselbe Mutter oder Großmutter mütterlicherseits hat wie er. In solchen Kulturen gelten Personen nach ihrer Abstammung in mütterlicher Linie als verwandt. Die Fachsprache nennt diesen Typ einer Abstammungsordnung matrilinear. Matrilinearität entspricht jedoch der Tradition der christlich-abendländischen Kultur keineswegs. Die modernen Industriegesellschaften stimmen darin überein, daß sie sich auf der Grundlage einer Abstammungsordnung entwickelt haben, nach der jeder einzelne als Verwandter sowohl der Eltern und Geschwister seiner Mutter als auch der Eltern und Geschwister seines Vaters gilt. Der neugeborene Mensch tritt nach diesem traditionellen Verwandtschaftsverständnis bei seiner Geburt in eine zweifache Abstammungsordnung ein: Er wird von Anfang an Vollmitglied sowohl der Vaterfamilie als auch der Familie seiner Mutter. Diese Abstammungsordnung nennt die Fachsprache bilateral. Wird Verwandtschaft als Abstammung in väterlicher Linie definiert, so nennt man den entsprechenden Typ einer Abstammungsordnung patrilinear.

Während eine bilaterale und eine patrilineare Abstammungsordnung ohne gelungene und dauerhafte Ehe nicht bestehen kann, ist eine matrilineare Abstammungsordnung ganz unabhängig davon, ob Ehen gegründet werden und Bestand haben oder nicht. Unser Fallbeispiel hat gezeigt, daß eine Frau als Mutter eines oder mehrerer unehelicher Kinder ihre Töchter betreuen kann, bis sie ihrerseits wieder Mütter unehelicher Kinder werden, weiche sie dann in einem größeren Familienverband unter Mitwirkung der Großmutter und auch eines oder mehrerer Geschwister der Mutter aufziehen können. Das kann theoretisch von Generation zu Generation so weitergehen, ohne daß die Kontinuität einer solchen matrilinearen Familie unterbrochen werden müßte. Im Unterschied also zum bilateralen und zum patrilinearen Familienverband hat der matrilineare die Möglichkeit, sich fortzupflanzen, ohne daß eine Ehe geschlossen werden müßte, und ohne daß der leibliche Vater im Binnenraum der Familie irgendwie in Erscheinung tritt.

Nun ist es aber unwahrscheinlich, daß dieser matrilineare Typ der Abstammungsordnung sich eignet, um in sich Familien zu institutionalisieren. die eine Religion wie das Christentum tradieren könnten. Wenn im Glaubensinhalt eine Vaterfigur eine zentrale Stellung einnimmt, wird dem die Stellung eines Vaters in der weltlichen Familie entsprechen müssen, es sei denn, der Glaube wird als gänzlich irrelevant für das Leben tradiert. Glaubensinhalte haben aber aus der Sicht der Religionsoziologie gerade die Bedeutung, Handlungsalternativen modellhaft einander gegenüberzustellen und dann die eine als gut, die andere als böse zu bestimmen. Das wird in der Bibel zum Beispiel im Falle des Verhaltens von Kain und Abel ganz deutlich.

Es liegt nahe, im Anschluß an die skizzierten Erwägungen hier den Versuch zu unternehmen, auch die »Heiligen Familien« großer Religionen nach denselben Kriterien für die Unterscheidung verschiedener Familienformen einzuteilen, die wir auf weltliche Familien angewandt haben. Nun stellen aber gerade zentrale Paarbeziehungen in »Heiligen Familien« Grenz- oder Übergangsfälle dar, deren Zuordnung zu der einen oder der anderen Familienform erhebliche Probleme aufwirft. Das soll zunächst am Beispiel der Familie Abrahams gezeigt werden.

Im Alten Testament kommt im Buche Genesis Abraham selbst über seine Beziehung zu Sara zu Wort. Er sagt: »Auch ist sie wirklich meine Schwester, eine Tochter meines Vaters, nur nicht die Tochter meiner Mutter. So konnte sie meine Frau werden.« (20, 12) Diese Rechtfertigungsrede Abrahams vor Abimelech enthält also den Hinweis. daß die Stammutter des Volkes Israel für Abraham eine Halbschwester väterlicherseits ist. Abraham scheint auch mit ihr wie mit einer Schwester Umgang gehabt zu haben: Sowohl in Ägypten (12, 14-16) als auch in Gerar (20, 2-4) wird Sara wegen ihrer Schönheit in die Gemächer des Monarchen geholt und in beiden Fällen sagt Abraham, daß Sara seine Schwester sei. Was beim Pharao mit Sara geschieht, bleibt im Text völlig offen (12, 15-17), und bei Abimelech ist es nicht Abraham sondern Gott selbst, der gleichsam in letzter Minute einschreitet, bevor Abimelech sich der Sara naht (20, 3-4). Nach der für Abimelech lebensgefährlichen Aufregung, in deren Verlauf er von Gott selbst erfährt, daß Sara die Ehefrau des Abraham sei, heißt es über Abimelechs Reaktion dann: »Zu Sara aber sagte er: Hiermit übergebe ich deinem Bruder 1000 Silberschekel« (20, 16). Sara bleibt also in ihrer Beziehung zu Abraham ambivalent: bald Ehefrau, bald Schwester.

Ein anderer biblischer Bericht. der wegen seiner Anschaulichkeit große Popularität gewinnen konnte, ist die Geschichte von Rebekka, der späteren Ehefrau Isaaks. Ebenfalls im Buch Genesis des Alten Testaments wird geschildert, wie Abraham seinen engsten Mitarbeiter an den Wohnort des Verwandtschaftsverbandes schickt, aus dem Abraham selbst stammt. Es handelt sich um den Wohnort der offenbar seßhaften Familie von Abrahams Bruder Nachor (24, 10). Als der Abgesandte dort eintrifft, tritt Rebekkas Bruder Laban dem Gast gegenüber als Hausherr auf (24, 29-31). Als es um die entscheidende Frage geht. ob Rebekka dem Ruf in die Ferne folgen soll und dem Abgesandten Abrahams anvertraut werden soll oder nicht, läßt der biblische Berichterstatter Rebekkas Bruder Laban und ihren Vater Betuel gleichsam im Chor sprechen, indem sie ihr Einverständnis geben (24, 50-51). Als dann der Knecht Abrahams voller Freude über den Erfolg seiner Mission »silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider« herbeiholt, geht offenbar Rebekkas Vater völlig leer aus; denn es heißt im Text nur noch: »Auch ihrem Bruder und ihrer Mutter machte er kostbare Geschenke« (24, 53). Als der Abgesandte Abrahams am folgenden Morgen die Rückreise antreten möchte, wird über die Reaktion aus der Familie der Rebekka berichtet: »Da antworteten ihr Bruder und ihre Mutter: Das Mädchen soll einige Zeit oder wenigstens zehn Tage noch bei uns bleiben, dann mag sie ziehen« (24, 55). Wieder fehlt eine Erwähnung des Vaters, und als es schließlich zum Abschied kommt, heißt es: »Nun entließen sie ihre Schwester Rebekka ... « (24, 59), ohne daß davon die Rede wäre, daß Rebekka auch eine Tochter war. Man kann bei unvoreingenommener Lektüre der Geschichte Rebekkas nicht bestreiten, daß ihr Vater Betuel nur als Randfigur erwähnt wird, und daß der ganze Bericht überzeugender wirken würde, wenn man erfahren hätte, daß der Vater schon verstorben sei. Diese Möglichkeit wird im Text jedoch ausdrücklich ausgeschlossen (24, 50).

Nachdem Isaak und Rebekka schon lange verheiratet sind, müssen auch sie wie vor ihnen Abraham und Sara vor einer Hungersnot fliehen. Wie sein Vater, so gibt auch Isaak in der Fremde seine Frau als seine Schwester aus (26, 7). Dann heißt es im Text: »Als er schon längere Zeit dort zugebracht hatte, schaute der Philisterkönig durch das Fenster und sah, wie Isaak seine Frau liebkoste« (26, 8). Aufgrund dieser indiskreten Beobachtung sagt der König: »Ganz gewiß ist sie deine Frau! Wie konntest du nur sagen: sie ist meine Schwester? (26, 9).

Zur Deutung dieser Bibelstellen schlagen wir die Vermutung vor, daß die Patriarchen darum als Stifterfiguren einer Kultur gelten, weil sich in ihrem Leben der Übergang von einer Familienform zu einer anderen vollzog. Wir nehmen dazu an, daß es in einer frühen Phase der Entwicklung menschlicher Kultur eine Familienform gab, in welcher der Bruder tatsächlich eine Schwester oder auch mehrere Schwestern beschützt und für sie gesorgt hat, indem er für sie und ihre Kinder in einer Weise Verantwortung übernahm, wie wir dies heute von einem Ehemann und Vater erwarten. Das hat jedoch in aller Regel gewiß nicht bedeutet, daß der Bruder mit seiner Schwester auch Geschlechtsverkehr hatte. Das zeigt auch die Reaktion des Philisterkönigs, nachdem er die Zärtlichkeiten zwischen Isaak und Rebekka beobachtet hatte. Angesichts der Universalität des Inzesttabus haben solche Schwestern ihre Geschlechtspartner außerhalb der Familie gefunden, und gegenüber ihren Nachkommen wurden nicht die Erzeuger sondern die Betreuer der Kinder als »Väter« gedeutet. Hinsichtlich der Sozialisation des Nachwuchses und des tatsächlichen alltäglichen Kontaktes zwischen erwachsenem Mann und Kindern waren die Brüder dieser Frauen die »Väter« ihrer Kinder.

Bei einer kultursoziologischen Interpretation heiliger Schriften werden Schöpfungsberichte nicht als Beschreibungen der Entstehung physischen Lebens sondern als Darstellungen des Beginns einer Kultur zu lesen sein. Im Alten Testament zeigt der ältere der beiden Schöpfungsberichte deutliche Spuren der Auseinandersetzung mit der matrilinearen Kultur. Bei der Schlange handelt es sich offenbar nicht um eines der von Gott geschaffenen Tiere, sondern um ein anderes, machtvolles Wesen, gleichsam um einen Gegengott. Im Kulturraum des alten Orient gab es eine Urmuttergottheit, die stets mit der Gestalt der Schlange in Verbindung gebracht wurde. Die Schlange ist gleichsam eine Verdoppelung der Eva: Das weibliche, urmütterliche Prinzip taucht hier in der verhüllten Gestalt der Schlange symbolisch noch ein zweites Mal auf.

Wie wir gesehen hatten, entspricht der matrilinearen Kultur eine Familienform, in der auf Ehe verzichtet wird. Am Anfang des Übergangs zur neuen Kultur des Alten Testaments mußte also die Institutionalisierung der Ehe stehen. Das stellt sich im Text wie folgt dar: Bei der ersten Begegnung Adams mit Eva ruft dieser aus: »Das ist endlich Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch!« 2, 23) Als Juda seine Brüder beschwört, sie möchten doch Joseph nicht töten, verwendet er das Argument: »Er ist doch unser Bruder, unser eigenes Fleisch« (37, 27). Aus einem Fleisch zu sein hieß offenbar, Mitglied derselben Familie zu sein, blutsverwandt zu sein. »Darum wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden zu einem Fleisch« (2. 24). Entscheidend am Sinngehalt dieses Verses ist nicht etwa, daß Adam und Eva Geschlechtsverkehr miteinander haben werden; denn das allein wäre kein Grund gewesen, Vater und Mutter zu verlassen. Das Wesen der Proklamation, die in diesem Vers erfolgt, liegt darin, daß Ehemann und Ehefrau künftig als Blutsverwandte gelten sollen, daß sie Mitglieder einer und derselben Familie sein sollen. Dies war der revolutionäre Gehalt jener Worte, denn dadurch wurde Ehe institutionalisiert und Vaterschaft ermöglicht.

In matrilinearen Kulturen sind die männlichen Verwandten einer Frau ihre Onkel, Brüder und Söhne. Diese Männer sind von demselben Fleisch wie die Frau, weil alle gemeinsam aus einer Mutter hervorgegangen sind. Ein Mann mag unter den Bedingungen der matrilinearen Kultur zwar Geschlechtsverkehr mit der Frau aus einem anderen Clan haben, aber das bedeutet nicht, daß er mit ihr verwandt wird. Dies wird in Genesis 2, 24 geändert: Von nun an sind Ehemann und Ehefrau Mitglieder derselben Familie und erst von nun an kann der Mann, der ein Kind zeugt, auch für dieses Kind sorgen und es erziehen.

Der Mann verläßt Vater und Mutter und insbesondere seine Mutter und seine Schwestern, für die er wie Laban gegenüber Rebekka in matrilinearen Kulturen die Verantwortung trug. Unter den Bedingungen der neuen Ordnung kann er seine Schwestern deren jeweiligen Ehemännern überlassen und sich auf die Fürsorge für die eigene Frau und die eigenen Kinder konzentrieren. Wenn daher Eva auf die Schlange hört anstatt auf ihren Vater im Himmel, und wenn Adam der Eva gehorcht anstatt vielmehr ihr zu sagen, was nach seiner Überzeugung richtig ist, dann ist das nicht nur ein Problem des Ungehorsams, sondern es stellt die Gefahr eines Rückfalls in eine überwundene Familienform und den ihr zugehörigen matrilinearen Kulturtyp dar.


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