Ludwig-Maximilians-Universität München  

  Dead Sociologists Society

 


George Herbert Mead (1863-1931)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Horst J. Helle
(aus: Verstehende Soziologie und Theorie der Symbolischen Interaktion, 2. überarb. und erw. Aufl., Stuttgart: B. G. Teubner 1992)

In seinem Buch 'Philosophy of the Act' läßt Mead keineswegs als Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis und als Inhalte wissenschaftlichen Denkens nur solche Einsichten zu, die durch unmittelbare Erfahrung gewonnen wurden. Sie sind eine, aber nicht die einzige Erkenntnisquelle. Die zweite sieht er in der Formulierung einer Hypothese als Ergebnis kreativer gedanklicher Verknüpfungen, die der empirischen Wirklichkeit so nicht entnommen werden konnten. Aus solchen Konstruktionen entstandene subjektive Einsichten führen zur Schaffung von 'Idealobjekten' (ideal objects). Mead gesteht also als Inhalt von wissenschaftlicher Erkenntnis zu, daß darin sowohl die aus unmittelbarer Erfahrung gewonnenen Einsichten ihren Platz haben, die zu Erfahrungsobjekten werden, als auch gedankliche Konstruktionen, die er Idealobjekte nennt. Erfahrungsobjekte und Idealobjekte haben nebeneinander ihren Ort im Bewußtsein der Individuen. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden ist dabei der, daß das Idealobjekt seinen Ort nur im Bewußtsein von Menschen hat, während das Erfahrungsobjekt seinen Ort auch in der Welt hat, die uns erfahrbar vorgegeben ist, und aus der wir durch interagierendes Handeln Erkenntnisse entnehmen können, die zu solchen Erfahrungsobjekten werden.

Mead warnt nachdrücklich vor einer Verwechslung dieser beiden Formen menschlichen Wissens. Sie könnte z.B. dadurch erfolgen, daß man sich einprägt: die Idealobjekte sind mit menschlicher Existenz verknüpft, während die Erfahrungsobjekte unabhängig von menschlichem Denken in der Welt da draußen ihren Platz haben. Dies trifft jedoch gerade nicht zu: Wenn man sich die erkenntnistheoretische Ausgangsposition des Pragmatismus stets gegenwärtig hält, nach der Wahrnehmung nur als Handeln möglich ist, dann ergibt sich, daß das Erkenntnisobjekt in Wahrnehmungsakten entsteht, an denen jeweils spezifische Individuen beteiligt sein müssen. Wahrnehmung und damit die Gewinnung von Erfahrungsobjekten ereignen sich in den konkreten Lebensläufen spezifischer Individuen und haben darum einen Realitätsstatus, der sie auch mit konkreten Personen verbunden sein läßt, ohne aber ihre Unterscheidbarkeit von Idealobjekten aufzuheben. Ihren Ort im Bewußtsein von Menschen haben also sowohl Erfahrungsobjekt als auch Idealobjekt. Der Unterschied liegt darin, daß das Idealobjekt nur im Bewußtsein des Menschen auffindbar ist, während das Erfahrungsobjekt sowohl im Bewußtsein des Menschen als auch in der durch interagierendes Handeln geschaffenen und danach objektiv gegebenen Wirklichkeit vorliegt.

Übrigens bezeichnet Mead im Original das, was wir Idealobjekt genannt haben, als "ideal object". Was wir hier als Erfahrungsobjekte bezeichnet haben, nennt Mead einfach "experiences". Die Zweiteilung ist nicht nur bedeutsam im Hinblick auf einen Vergleich mit dem Idealtyp Max Webers, sondern schon im Hinblick auf die Erzielung von differenzierteren Diskussionen und präziserem Denken bei uns allen. Es wäre daher nützlich, wenn jeder sich die Disziplin auferlegen würde, bei den Konzepten, mit denen er umgeht, diese Unterscheidung jeweils genau vorzunehmen. Handelt es sich bei den Konzepten, die wir in unserer soziologischen Wissenschaftssprache in Wort und Schrift verwenden, um Idealobjekte, die wir möglicherweise in Zusammenarbeit mit anderen gedanklich konstruiert haben, ohne daß ein empirischer Bezug vorhanden wäre, oder handelt es sich um Erfahrungsobjekte, die in lebendig interagierendem Handeln zwischen der Wirklichkeit und uns gewonnen wurden? Diese Frage immer wieder mit großer Strenge und Sorgfalt zu stellen, wäre ein wichtiger methodischer Fortschritt in der Soziologie.
Eine weitere zentrale Frage lautete für Mead, warum im Bewußtsein des Menschen bestimmte Dinge miteinander verknüpft werden und andere nicht. Der Begriff der Assoziation führt zu keiner brauchbaren Antwort auf diese Frage. Das zeigen gerade der Versuch Pawlows mit dem Hund und das Experiment mit dem Baby und der weißen Maus. Mead schlägt daher vor, von der Annahme auszugehen, daß die Verknüpfung bestimmter Einzelheiten im Bewußtsein der Menschen Folge ihrer Interessenskonstellationen ist. Die Thematik im Umkreis von 'Erkenntnis und Interesse' taucht also hier schon 1936 in einer Publikation aus dem Nachlaß von George Herbert Mead auf.

Mead beschränkt sich aber nicht auf die gedankliche Trennung zwischen Dingen, die uns interessieren und solchen, die uns nicht interessieren. Im Anschluß an James unterscheidet er vielmehr einen Bereich, der gleichsam im Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit liegt, von einem anderen Bereich, der eine Randzone der Erfahrung darstellt und insofern zwar von geringerer Wichtigkeit, aber dennoch der Erfahrung nicht völlig entzogen ist. Denn wann immer man seine Aufmerksamkeit auf das Zentrum eines vorliegenden Gegenstands richtet, nimmt man doch gleichzeitig auch Randzonen wahr. Sie gleichfalls zu berücksichtigen ist wichtig für die möglichst umfassende Erkenntnis und Bewertung der eigentlichen Kernsituation. Der Randbereich ist also darum wichtig, weil das um Erkennen bemühte Individuum ihn braucht, um die im hellen Scheinwerferlicht seiner Aufmerksamkeit liegenden Einzelheiten in ihren Zusammenhang richtig einordnen und das Ganze daher richtig interpretieren zu können. Was Mead hier vorträgt, ist gleichsam eine hermeneutische Position. Es ist ja eine der Grundregeln jeder Form von Hermeneutik, immer das Einzelne auch im Zusammenhang interpretieren zu sollen. Die einzelne Stelle bei Platon oder Aristoteles wird verständlich aus dem größeren Zusammenhang heraus, und der Bibelvers darf in der Exegese nur so gedeutet werden, daß er der Bibel als ganzer nicht widerspricht.

Die Verknüpfung von Erkenntnis und Interesse einerseits und die Wahrung des Prinzips hermeneutischen Verstehens andererseits sind wichtige Kennzeichen der Position von George Herbert Mead. In seiner Auseinandersetzung mit dem Behaviorismus wendet er diese Grundsätze an, wenn er danach fragt, wie sich denn der Wahrnehmungsprozeß zwischen wahrnehmenden Menschen und Umweltreizen vollzieht. Gesteuert von unseren Interessen suchen wir nach gewissen Reizen. Dieses Prinzip erklärt die immer wieder erstaunliche Selektivität der Wahrnehmung. Herbert Blumer gibt in einem Aufsatz das Beispiel einer Erfahrung Darwins. Jener berichtet vom Aufenthalt in einer Landschaft in Wales, der stattfand, ehe das theoretische Konzept der Endmorä_nen und der durch die Eiszeit geprägten Landschaftsformationen in der Wissenschaft vorgetragen worden war. Zusammen mit einem anderen Wissenschaftler verbrachte Darwin viele Stunden in einem Tal, in dem die beiden nach Fossilien suchten. Aus der Sicht der heutigen Erkenntnisse über die Eiszeit und ihre Wirkungen auf die Landschaft stellt jenes Tal ein ideales Beispiel zur Wahrnehmung solcher Phänomene dar. Damals gab es aber diese Theorie noch nicht, und Darwin und sein Kollege suchten nach nichts anderem als nach Fossilien. Später, als Darwin die Eiszeittheorie kannte und das besagte Tal wieder sah, schien es ihm unbegreiflich, daß er bei seinem früheren Besuch nicht die charakteristischen Merkmale jener Landschaft wahrgenommen hatte.

Unabhängig von diesem Beispiel, das Blumer gibt, und von dem wir nicht wissen, ob Mead es gekannt hat, sagt Mead im Kontext von Erkenntnis und Interesse, daß der Mensch sich aus der unendlichen Vielfalt der Umweltreize gerade die aussucht, die seinem Interesse entsprechen. Wenn wir hungrig sind, sind wir empfindlich für den Geruch von Speisen. Wenn wir nach einem bestimmten Buch suchen, dann ist unser Auge eingestellt auf Farbe und Breite eines bestimmten Buchrückens. Was immer wir tun, bestimmt die Art des Reizes, der wiederum bestimmte Reaktionen bei uns erzeugen wird. Mead weist nun darauf hin, daß unser Interesse uns einstellt auf die Reaktionen, von denen wir gern möchten, daß sie in uns erzeugt werden. Wir suchen uns dann den Reiz, der sich dazu eignet, die aufgrund unserer Interessen erwünschten Reaktionen bei uns auch tatsächlich zu erzeugen. Es ist also unsere eigene Einstellung unserem Handeln gegenüber, die bestimmt, welches der Reiz sein wird, den wir wahrnehmen werden, weil wir ihn aufgesucht haben. So sind wir aufgrund unserer Interessen im Prozeß des Handelns ständig dabei, auszuwählen, welche Elemente aus dem unendlich vielfältigen Feld der Reize die Reaktionen hervorrufen werden, die bei uns hervorgerufen werden sollen, weil das so unseren Interessen entspricht. Wir legen unser Handeln beständig so an, daß die Reaktionen, wenn sie sich ereignen, in erwünschter Form auf uns zurückwirken und dabei für uns wiederum jene Reize auswählen, die uns dann in die Lage versetzen, das fortzuführen und womöglich zu vollenden, was zu tun wir schon begonnen hatten.

George Herbert Mead

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Prof. Horst J. Helle