Und keiner meldete sich: von rechts nach
links Rektor Prof. Faissner, Prof. Helle, Dipl.-Ing. Rix, Prof. Knacke,
Prof. Beneking, Prof. Schwerte.
(Foto, Linckens)
Aachen. – Der Rektor der Technischen „Hochschule, Prof. Faissner, hatte durchsickern lassen, er wolle zurücktreten. (Obschon er noch ein Jahr Amtszeit gut hat). Daraufhin setzte der Senat der TH in seiner Sitzung am 30. April einen Ausschuß ein, der nach möglichen Rektoratsnachfolgern Ausschau halten sollte. Im Ausschuß waren alle an der Hochschule tätigen Gruppen vertreten: Professoren, Assistenten, Studenten und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter. Unter Vorsitz von Prorektor Prof. Reutter einigte sich der Ausschuß in zwei Sitzungen auf einige Vorschläge. Die Professoren nannten Prof. Faissner, Prof. Beneking und Prof. Helle, die Assistenten Prof. Schwerte, die nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter Prof. Faissner, die Studenten überhaupt keinen.
Neues Fach: Gewissensforschung
Am vergangenen Dienstagabend nun versammelten sich einige
wenige hundert der vielen vielen tausend Hochschulangehörige im Grünen Hörsaal,
um das aparte neue hochschulische Spezialfach zu betreiben:
Gewissenserforschung von möglichen Kandidaten. für das Rektorenamt. Am
kommenden Freitag soll der Große Rat der TH den Rektor wählen. Da kommt dann
allerdings im Prinzip jeder ordentliche Professor in Frage, egal, ob er nun bei
der Gewissenserforschung am Dienstag dabei war oder nicht.
Mit dieser
Vorgeschichte leitete Prorektor Prof. Reutter die Sitzung ein. Auf dem Podium
begrüßte er die Professoren Schwerte, Beneking, Helle und Faissner. Welch
letzterer aber gebeten habe, von seiner Wiederwahl Abstand zu nehmen. Was mit
Trommeln und Zischen quittiert wurde.
Das hat er nicht verdient
Im Saale raschelten
die offenen Briefe, die draußen vor der Tür verteilt worden waren. Darin hatten
die nichtwissenschaftlichen Bediensteten der TH den Mitgliedern des Großen Rats
der TH die maximalen Verdienste Prof. Faissners vorgehalten und mit etlichen
Ausrufungszeichen proklamiert: ‚Keinen Rektor vor ihm hat dieses Schicksal
ereilt!!’ (Daß man ihn seine Amtsperiode vorzeitig beenden läßt). Und: ‚Dieses
Los hat auch Herr Professor Faissner nicht verdient!!’ Und: ‚Wir appellieren
deshalb an alle Mitglieder des Großen Rates, fair play zu üben und an die
übrigen Rektorkandidaten, auf ihre Kandidatur zu verzichten.’
Ein Zurufer wollte gern noch Prof. Ameling auf dem Podium sehen; doch der winkte dankend ab.
Prof. Reutter gab die
Diskussionsleitung an Dipl.‑Ing. Rix ab, der wiederum Prof. Knacke zu
seiner Unterstützung hinzubat Und einen Vertreter der Studentenschaft. Es kam
aber keiner.
Wer soll mitbestimmen?
Als mögliche
Gesprächsthemen mit den möglichen Kandidaten schlug Dipl.‑Ing. Rix
einiges vor: z. B. die Studienreform, die Personalstruktur, die
Verfassungsreform, die künftige Entwicklung der Technischen Hochschule, das
nordrhein-westfälische Hochschulgesetze. Was zur Folge hatte, daß diese Themen
sorgfältig gemieden wurden.
Mit Begeisterung
hingegen wurde die moderne hochschulische Gretchenfrage aufgegriffen: Wie hälst
du es mit der Parität? Wie finden Sie 6:2:2? Oder, können Sie sich unter 6:2:2:1
etwas vorstellen? Oder würden Sie sich für 3:3:3 erwärmen können? Oder gar für
5:5? (Es handelt sich dabei darum, in welcher Vertretungsstärke Professoren,
Assistenten, Studenten und vielleicht gar nichtwissenschaftliche Bedienstete an
der Lenkung der Hochschulgeschicke beteiligt werden sollen.)
Prof. Helle fand
zunächst das eine so unverständlich wie das andere. Prof. Faissner setzte seine
Einstellung als bekannt voraus. Prof. Schwerte vertrat 6:2:2, hielt aber auch
5:5:5:1 für möglich. Prof. Beneking erklärte, die bloße Zahl sage nichts. Er
halte die, derzeitigen 6:2:2‑Gremien zwar für. arbeitsunfähig, eine Verfassungsänderung
augenblicklich aber nicht für angebracht.
Keine Agitatoren
Prof. Faissner
konterte das mit dem Hinweis, der jetzige Senat brauche sich nachweislich
hinter keinem der vorhergegangenen zu verstecken. Aus seiner günstigen Position
als nichtkandidierender Rechtsaußen stellte er fest, daß es in der Physik schon
seit langem echte Mitbestimmung gebe. „Allerdings von Leuten, die an der
Forschung interessiert sind, nicht von irgendwelchen Agitatoren.“
Prof. Helle wandte
sich dagegen, die Drittelparität wie einen Fetisch hin‑ und herzuwerfen.
Zu einer Kooperation müßten sich immer die zusammenfinden, die annähernd
identische Zielvorstellungen haben, nicht die, die formal einer Gruppe angehören.
Eine Reform müßte zwei Typen von Gremien schaffen, die sich getrennt der
wissenschaftlichen und der verwaltungstechnischen Aufgaben anzunehmen hätten.
Die Mängel des Hochschulgesetzes führte er mit darauf zurück, daß die
Hochschulen selbst keine artikulierten Vorschläge gemacht hätten, jedenfalls
nicht als Hochschule, sondern als zerstrittene Einzelgruppen. Das schließe
nicht aus, daß man darauf hinwirken solle, daß das Gesetz möglichst bald geändert
und verbessert wird.
Ohne Forschung keine Uni
Überflüssig, den zweistündigen Ringelreihen um die Parität noch
ausführlicher zu schildern. Es hagelte boshafte, persönliche Bemerkungen aus
dem Auditorium, die zunächst überhaupt keinen eingestandenen Sinn außer dem zu
enthalten schienen, Heiterkeit zu entfachen.
Als endlich jemand bescheiden fragte, ob man auch über etwas anderes als
Paritäten sprechen könne, ging der Versammlung hörbar die Luft aus. Sachlich
ließ sich zwar nichts dagegen einwenden. Aber die alte Lust am Streiten kam
nicht wieder auf. Also sprach man noch ein wenig über die Polarisierung von
Forschung und Lehre. Alle waren mehr oder weniger fanatisch der Meinung, daß
beides gemeinsam der Hochschule erhalten bleiben müsse. Wobei Prof. Schwerte
allerdings die Frage aufwarf, ob die Hochschule künftig finanziell noch zu
großer Projektforschung in der Lage sein werde. Grundlagenforschung
allerdings,. die müsse sie auf jeden Fall für sich behalten; selbst wenn es zur
Gesamthochschule kommt.
Prof. Faissner nutzte die Gelegenheit zu erklären, daß er zehn Jahre lang
ausschließlich geforscht habe und dann gern an die Hochschule gekommen sei.
weil er so gern mit den jungen frischen Studenten zu tun habe. Einer Hochschule
vorzustehen allerdings, sagte er etwas später, sei angesichts der Gruppen‑Einzelaktionen
unmöglich geworden.
„Aushalten“
Prof. Schwerte möchte ebenfalls weder die Forschung noch das Gespräch mit
den klugen jungen Leuten missen. Und Prof. Helle überraschte den einen oder
anderen mit der Bekanntmachung, er kandidiere nicht. Doch
habe er eine Frage an das Auditorium. Nämlich: Was machen die klugen frischen
jungen Leute, was macht der AStA, falls sich überhaupt keiner als Rektor zur
Verfügung stellt?
Die Assistenten hatten
zuerst eine Antwort parat: Der Kultusminister würde Prof. Faissner beauftragen,
die Geschäfte kommissarisch weiterzuführen. „Dann müßten wir es eben mit
Faissner weiter aushalten“, lächelte spröde AStA‑Student Kruse. Und das
kam aus diesem krausbartgerahmten Munde einer schüchternen Liebeserklärung aus
Großmütterchens Zeit bedenklich nahe.
„Und würden Sie sich
dieser Diktatur beugen?“ erkundigte ich mich im Hinausgehen bei Rektor
Faissner.
Welcher?
Der kommissarischen?
„Sie können ja
schreiben, ich hätte gelacht.“ Hat er. Sozusagen als letzter. Bo.
Kein Blatt vor den Mund genommen: einer der eifrigen Diskussionsteilnehmer. (Foto: Linckens)