Aachener Volkszeitung vom 25.06.1970, S. 15 A


Und keiner meldete sich: von rechts nach links Rektor Prof. Faissner, Prof. Helle, Dipl.-Ing. Rix, Prof. Knacke, Prof. Beneking, Prof. Schwerte.
(Foto, Linckens)

Was macht man, wenn keiner Rektor sein will?

Prof. Faissner spricht von Rücktritt – Gretchenfrage an mögliche Amtsnachfolger: Wie hältst du es mit der Parität?

Aachen. – Der Rektor der Technischen „Hochschule, Prof. Faissner, hatte durchsickern lassen, er wolle zurücktreten. (Obschon er noch ein Jahr Amtszeit gut hat). Daraufhin setzte der Senat der TH in seiner Sitzung am 30. April einen Ausschuß ein, der nach möglichen Rektoratsnachfolgern Ausschau halten sollte. Im Ausschuß waren alle an der Hochschule tätigen Gruppen vertreten: Professoren, Assistenten, Studenten und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter. Unter Vorsitz von Prorektor Prof. Reutter einigte sich der Ausschuß in zwei Sitzungen auf einige Vorschläge. Die Professoren nannten Prof. Faissner, Prof. Beneking und Prof. Helle, die Assistenten Prof. Schwerte, die nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter Prof. Faissner, die Studenten überhaupt keinen.

Neues Fach: Gewissensforschung
Am vergangenen Dienstagabend nun versammelten sich einige wenige hundert der vielen vielen tausend Hochschulangehörige im Grünen Hörsaal, um das aparte neue hochschulische Spezialfach zu betreiben: Gewissenserforschung von möglichen Kandidaten. für das Rektorenamt. Am kommenden Freitag soll der Große Rat der TH den Rektor wählen. Da kommt dann allerdings im Prinzip jeder ordentliche Professor in Frage, egal, ob er nun bei der Gewissenserforschung am Dienstag dabei war oder nicht.
Mit dieser Vorgeschichte leitete Prorektor Prof. Reutter die Sitzung ein. Auf dem Podium begrüßte er die Professoren Schwerte, Beneking, Helle und Faissner. Welch letzterer aber gebeten habe, von seiner Wiederwahl Abstand zu nehmen. Was mit Trommeln und Zischen quittiert wurde.

Das hat er nicht verdient
Im Saale raschelten die offenen Briefe, die draußen vor der Tür verteilt worden waren. Darin hatten die nichtwissenschaftlichen Bediensteten der TH den Mitgliedern des Großen Rats der TH die maximalen Verdienste Prof. Faissners vorgehalten und mit etlichen Ausrufungszeichen proklamiert: ‚Keinen Rektor vor ihm hat dieses Schicksal ereilt!!’ (Daß man ihn seine Amtsperiode vorzeitig beenden läßt). Und: ‚Dieses Los hat auch Herr Professor Faissner nicht verdient!!’ Und: ‚Wir appellieren deshalb an alle Mitglieder des Großen Rates, fair play zu üben und an die übrigen Rektorkandidaten, auf ihre Kandidatur zu verzichten.’
Ein Zurufer wollte gern noch Prof. Ameling auf dem Podium sehen; doch der winkte dankend ab.
Prof. Reutter gab die Diskussionsleitung an Dipl.‑Ing. Rix ab, der wiederum Prof. Knacke zu seiner Unterstützung hinzubat Und einen Vertreter der Studentenschaft. Es kam aber keiner.

Wer soll mitbestimmen?
Als mögliche Gesprächsthemen mit den möglichen Kandidaten schlug Dipl.‑Ing. Rix einiges vor: z. B. die Studienreform, die Personalstruktur, die Verfassungsreform, die künftige Entwicklung der Technischen Hochschule, das nordrhein-westfälische Hochschulgesetze. Was zur Folge hatte, daß diese Themen sorgfältig gemieden wurden.
Mit Begeisterung hingegen wurde die moderne hochschulische Gretchenfrage aufgegriffen: Wie hälst du es mit der Parität? Wie finden Sie 6:2:2? Oder, können Sie sich unter 6:2:2:1 etwas vorstellen? Oder würden Sie sich für 3:3:3 erwärmen können? Oder gar für 5:5? (Es handelt sich dabei darum, in welcher Vertretungsstärke Professoren, Assistenten, Studenten und vielleicht gar nichtwissenschaftliche Bedienstete an der Lenkung der Hochschulgeschicke beteiligt werden sollen.)
Prof. Helle fand zunächst das eine so unverständlich wie das andere. Prof. Faissner setzte seine Einstellung als bekannt voraus. Prof. Schwerte vertrat 6:2:2, hielt aber auch 5:5:5:1 für möglich. Prof. Beneking erklärte, die bloße Zahl sage nichts. Er halte die, derzeitigen 6:2:2‑Gremien zwar für. arbeitsunfähig, eine Verfassungsänderung augenblicklich aber nicht für angebracht.

Keine Agitatoren
Prof. Faissner konterte das mit dem Hinweis, der jetzige Senat brauche sich nachweislich hinter keinem der vorhergegangenen zu verstecken. Aus seiner günstigen Position als nichtkandidierender Rechtsaußen stellte er fest, daß es in der Physik schon seit langem echte Mitbestimmung gebe. „Allerdings von Leuten, die an der Forschung interessiert sind, nicht von irgendwelchen Agitatoren.“
Prof. Helle wandte sich dagegen, die Drittelparität wie einen Fetisch hin‑ und herzuwerfen. Zu einer Kooperation müßten sich immer die zusammenfinden, die annähernd identische Zielvorstellungen haben, nicht die, die formal einer Gruppe angehören. Eine Reform müßte zwei Typen von Gremien schaffen, die sich getrennt der wissenschaftlichen und der verwaltungstechnischen Aufgaben anzunehmen hätten. Die Mängel des Hochschulgesetzes führte er mit darauf zurück, daß die Hochschulen selbst keine artikulierten Vorschläge gemacht hätten, jedenfalls nicht als Hochschule, sondern als zerstrittene Einzelgruppen. Das schließe nicht aus, daß man darauf hinwirken solle, daß das Gesetz möglichst bald geändert und verbessert wird.

Ohne Forschung keine Uni
Überflüssig, den zweistündigen Ringelreihen um die Parität noch ausführlicher zu schildern. Es hagelte boshafte, persönliche Bemerkungen aus dem Auditorium, die zunächst überhaupt keinen eingestandenen Sinn außer dem zu enthalten schienen, Heiterkeit zu entfachen.
Als endlich jemand bescheiden fragte, ob man auch über etwas anderes als Paritäten sprechen könne, ging der Versammlung hörbar die Luft aus. Sachlich ließ sich zwar nichts dagegen einwenden. Aber die alte Lust am Streiten kam nicht wieder auf. Also sprach man noch ein wenig über die Polarisierung von Forschung und Lehre. Alle waren mehr oder weniger fanatisch der Meinung, daß beides gemeinsam der Hochschule erhalten bleiben müsse. Wobei Prof. Schwerte allerdings die Frage aufwarf, ob die Hochschule künftig finanziell noch zu großer Projektforschung in der Lage sein werde. Grundlagenforschung allerdings,. die müsse sie auf jeden Fall für sich behalten; selbst wenn es zur Gesamthochschule kommt.
Prof. Faissner nutzte die Gelegenheit zu erklären, daß er zehn Jahre lang ausschließlich geforscht habe und dann gern an die Hochschule gekommen sei. weil er so gern mit den jungen frischen Studenten zu tun habe. Einer Hochschule vorzustehen allerdings, sagte er etwas später, sei angesichts der Gruppen‑Einzelaktionen unmöglich geworden.

„Aushalten“
Prof. Schwerte möchte ebenfalls weder die Forschung noch das Gespräch mit den klugen jungen Leuten missen. Und Prof. Helle überraschte den einen oder anderen mit der Bekanntmachung, er kandidiere nicht. Doch habe er eine Frage an das Auditorium. Nämlich: Was machen die klugen frischen jungen Leute, was macht der AStA, falls sich überhaupt keiner als Rektor zur Verfügung stellt?
Die Assistenten hatten zuerst eine Antwort parat: Der Kultusminister würde Prof. Faissner beauftragen, die Geschäfte kommissarisch weiterzuführen. „Dann müßten wir es eben mit Faissner weiter aushalten“, lächelte spröde AStA‑Student Kruse. Und das kam aus diesem krausbartgerahmten Munde einer schüchternen Liebeserklärung aus Großmütterchens Zeit bedenklich nahe.
„Und würden Sie sich dieser Diktatur beugen?“ erkundigte ich mich im Hinausgehen bei Rektor Faissner.
Welcher? Der kommissarischen?
„Sie können ja schreiben, ich hätte gelacht.“ Hat er. Sozusagen als letzter. Bo.

Kein Blatt vor den Mund genommen: einer der eifrigen Diskussionsteilnehmer. (Foto: Linckens)