Ludwig-Maximilians-Universität München  

  Dead Sociologists Society

 


David Riesman (1909 - 2002)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

David Riesman: Ist die Gesellschaft der USA von Natur aus gewalttätig?

in: Soziologenkorrespondenz - Zeitschrift der Vereinigung für Soziologie, Heft 1970/1, S.34-38


In einem Buch „Exploring English Character“ beschreibt Geoffrey Gorer die Abkehr von einem kampflustigen und gewalttätigen England des 18. Jahrhunderts und die Hinwendung zu dem geordneten und gesetzestreuen Königreich der viktorianischen und späteren Zeit. Wir wissen auch, dass Schweden sich von einer kriegerischen zu einer relativ friedlichen Gesellschaft gewandelt hat. Die menschliche Natur enthält offenbar das Potential zur Gewalttätigkeit ( und ebenso für Einordnung und Solidarität). Die Formen und Grenzen in denen dies Potential seine Ausprägung findet, werden von Kultur und Geschichte, von Führern und Zufällen bestimmt, und dann bietet die Technologie das Instrumentarium, mit dessen Hilfe Gewalttätigkeit propagiert, imitiert und auf breitester Basis produziert wird. Bezogen auf die Vorliebe für Grausamkeiten und barbarische Schauspiele war Amerika im letzten Jahrhundert weniger gewalttätig als viele andere Länder. Doch im Vergleich mit der Entwicklung, die andere Industriegesellschaften genommen haben, hat der Prozeß der Befriedung hier länger angedauert und ist unvollständig geblieben. Im 19. Jahrhundert haben wir Amerikaner (abgesehen von den Kämpfen mit den Indianern) vier Kriege geführt, die nicht Verteidigungskriege waren: die Kriege gegen Mexiko von 1812, die beide eine territoriale Expansion zum Ziel hatten, den Bürgerkrieg, der zu jener Zeit wohl der blutigste Krieg der Geschichte war, und im dem die meisten Nordstaatler davon ausgingen, dass die Einheit der Nation erhalten bleiben müsse und viel der Südstaatler davon, dass diese Einheit aufgegeben werden müsse oder dass die Nation die freie Ausübung der Sklaverei garantieren müsse, und endlich den Spanisch-Amerikanischen Krieg, an den sich dann der Guerillakrieg auf den Philippinen anschloß, der in mancher Hinsicht ein Vorläufer des Vietnamkriegs war. Dennoch sind wir nicht so gewalttätig und expansionistisch, dass wir nicht den Versuch unternähmen, unsere Kriege als Verteidigungskriege darzustellen, und im Bürgerkrieg hat sowohl der Norden als auch der Süden die andere Seite als jene Partei verstanden, die sich die Zerstörung der Institutionen im anderen Lager zum Ziel gesetzt hatte. Da ich in meiner Jugend eine Schule des Friedens besucht habe und mich den Quakern seit vielen Jahren verbunden fühle, dachte ich an dem Tag, als die Katastrophe von Pearl Harbour passierte, dass wir Amerikaner den Japaner etwas sagen könnten: „Also gut, ihr habt uns gezeigt, wie weit eure Macht geht, unsere Küsten zu erreichen, uns Schaden zuzufügen und unsere Vergeltungsaktionen hinauszuzuögern; aber es besteht kein Zweifel daran, dass wir eure Gesellschaft am Ende doch noch zerstören können. Wie wäre es, wenn wir jetzt verhandelten?" Nur Mitglieder einer ungewöhnlich sicheren Gesellschaft können sich einen solchen Vorschlag überhaupt vorstellen. Tatsächlich aber reagieren wir als Individuum und als Nation auf Angriffe oder auf das, was wir als Angriff definieren, mit maßloser Gewalttätigkeit, wie sie sich in der Bombardierung deutscher und japanischer Großstädte und in der Forderung nach bedingungsloser Kapitulation äußerte. Im Inneren unserer Gesellschaft ist die Gewalttätigkeit offenkundig ungleichmäßig verteilt. Zunächst ist sie männlich, wie in den meisten Kulturen. Unsere Mädchen und Frauen sind zwar selbstbewußter und unabhängiger als in vielen anderen Teilen der Welt, aber selten sind sie gewalttätig, obwohl sie als Produzenten und als Kunden männlicher Gewalt auftreten können. Unsere Jungen und heranwachsenden Männer lernen früh jene Feigheit, die es ihnen verbietet, irgendein Zeichen von "Feigheit" erkennen zu lassen. Das bedeutet besonders im Süden und in den unteren sozialen Schichten, aber nicht nur dort, eine Einstellung zur persönlichen Beleidigung, die zwar nicht ganz so wild ist, wie jener Männlichkeitskult, den die Lateinamerikaner „machismo“ nennen, aber eine etwas abgemilderte Version davon, nämlich die Angst als berechnend, überlegt und unaggressiv zu gelten. Aber wie gesagt, die ist alles sehr ungleichmäßig in der Bevölkerung verteilt: Bei den wohlhabenderen Schichten und in den industrialisierten Gegenden, auch z. B. bei den Hochschulstudenten gibt es mehr Selbstmord als Mord. Dagegen gilt das Gegenteil für die ärmeren Gegenden des Landes und besonders für den Süden, und zwar für Schwarze ebenso wie für Weiße. Bezogen auf die soziale Schichtung kann man sagen, dass es einen patrizierhaften und asketischen Nationalismus gibt, der zwar nicht zu persönlicher Gewalttätigkeit ermutigt, wohl aber zu einem patriotischen Glauben an nationale Ehre, was wiederum zu einem Wechselspiel zwischen großmütiger und kriegerischer Haltung führen kann, wie bei Theodore Roosevelt, General MacArthur oder John F. Kennedy. In der ganzen Gesellschaft, besonders aber bei den weniger gebildeten Bürgern findet sich Haß gegen und Furcht vor komplexen Zusammenhängen, dafür aber eine Vorliebe für die „Aktion“, die sich entweder in persönlichem oder im Gruppenverhalten explosiv entladen kann, und dann gibt es freilich immer genügend Führer aus den gebildeten Schichten, die Gewalttätigkeit jener rechtfertigen, die ihre Empfindungen weniger gut artikulieren können. Bei alledem und obwohl aktuelle Ereignisse das Gegenteil zu beweisen scheinen, meine ich, dass wir allmählich weniger unzivilisiert werden. Unsere Großorganisationen einschließlich der Armee, machen kooperative Menschen erforderlich, und der patrizische „machismo“ des General MacArthur oder sein plebejisches Pendant bei General Curtis Le May ist selten geworden. Unsere Kriege sind in diesem Jahrhundert mit abnehmender Hysterie und sich verminderndem Chauvinismus geführt worden. Dank der Massenmedien erfahren wir heute weit mehr als in der Vergangenheit über Gewalttätigkeiten, die Menschen einander zufügen, aber wir werden auch empfindlicher dagegen, und Gewalt gefällt uns immer weniger. Trotzdem sind wir als Volk immer noch anarchistisch genug (nennen wir es Individualismus und halten es für eine gute Sache), um die Macht der Regierung einzuengen, mit der sie uns einengen könnte. (Ein Beispiel ist die Verachtung für die immer weniger rachsüchtige Polizei bei den Radikalen und bei den Gebildeten ebenso wie bei den Unterdrückten. Diese Verachtung ist eine der vielen Formen, in denen sich das blinde Vorurteil gegenüber Staatsdienern äußert, ein Vorurteil, dass den unerträglichen Druck ignoriert unter dem sie oft stehen). Gewalttätigkeit ist in Amerika von niemandem monopolisiert worden, vielmehr war sie seit langem schon demokratisiert. Darüber hinaus hat die egalitäre Gesinnung aus der Vornehmheit eine gefährliche Eigenschaft werden lassen und ihr nicht die Wirkung eines Schutzes vor Belästigung zuerkannt, schon gar nicht vor gewalttätigen Belästigungen. In der Zeitschrift „Commentary“ hat Marcus Cunliffe vor einiger Zeit darauf hingewiesen, dass die Präsidenten, die erschossen oder beschossen wurden, insgesamt die starken und hervorragenden Inhaber diese Amtes waren. Die Lektüre des Berichts der Warren Comission erweckte bei mir die Vorstellung von Lee Harvey Oswald als einem Menschen, dem es zutiefst zuwider war, dass John F. Kennedy im Vergleich zu Oswalds eigenem farbenfrohen aber mißlungenem Leben ein so prominenter Mann wurde. Diese Haltung Oswalds war möglicherweise intensiviert worden durch das Gerede über den Präsidenten im Südwesten der U.S.A., das den privaten Gefühlen relativer Unfähigkeit öffentlich Ausdruck verlieh. Ebenso ist es denkbar, dass der Mörder Martin Luther Kings dessen hervorragende Stellung und Kings Charisma unerträglich fand. Indem King den sozialen Standort verließ, der ihm als Neger zugeschrieben war, drängte er manchen verärgerten und erfolglosen Weißen zu der Frage: „ Was bildet sich dieser King überhaupt ein? Er hat mir doch gar nichts zu sagen.“ Ebenso trifft es zu, dass die Farbigen ihre Gewalttätigkeit nicht mehr wie einst an das eigene soziale Umfeld der schwarzen Mitbürger beschränken (wo vor allem im Süden die weißen Ordnungshüter mit verzeihendem Blick zuschauten), sondern die Farbigen haben nun so viel Selbstbewußtsein erworben, dass sie sich an dem Demokratisierungsprozess beteiligen und die Gewalt über die ganze Gesellschaft ausbreiten, wenn auch vorläufig auch überwiegend mit Worten anstatt mit haßerfüllter Tat. Wo es aber zur Tat kommt, wendet sich der Angriff tendenziell in symbolischer und oft festlicher Weise gegen Privateigentum anstatt gegen weiße Menschen. Man könnte sogar darauf hinweisen, dass die verhältnismäßig große Zurückhaltung der meisten Neger nach der Ermordung Martin Luther Kings ( besonders auch die Würde und Menschlichkeit des Begräbnisses selbst) als ein vorläufiges Zeichen für einen allgemeinen Rückgang der Gewalt gesehen werden kann, zumal wenn man das Maß der Provokation bedenkt und die Gelegenheit zu verbaler Eskalation, die Gewalt sowohl ersetzen als auch erzeugen kann. Als Folge der in keiner Weise sozial bewältigten Mechanisierung der Landwirtschaft sind viele arme Schwarz und Weiße, die nur ein Minimum an Schulbildung genossen haben, in der südlichen, dem „machismo“ zuneigenden Kultur entwurzelt worden. Das Schicksal warf sie ohne Hilfe und unvorbereitet in die Großstädte des Nordens, wo sie, zumal als Neger, sich selbst überlassen sind. Diese Entwicklung zeigt wiederum das Fehlen einer starken nationalen Regierung, (die es nur in der Außenpolitik gibt), die das Erziehungswesen, die Landwirtschaft, die Wohnungswirtschaft und andere Lebensbedingungen für das ganze Land vereinheitlichen könnte. Viele Amerikaner der Rechten, der Linken und der politischen Mitte meinen, die Regierung unterdrücke uns schon jetzt, vor allem die Bundesregierung, und wir benutzen das in der Verfassung bestätigte Glaubensbekenntnis von dem Recht, Waffen zu tragen als zusätzliche Bremse gegen die innere Abrüstung. Unsere soziale Verflochtenheit ist prekär, und das sollten wir spätestens nach dem Bürgerkrieg wissen. Keine andere große Industriegesellschaft hat Rasse und völkische Abstammung als Elemente sozialer Schichtung und damit sozialer Spannungen an die Stelle der Klassenstruktur gesetzt. Bei alledem hat unser Egalitarismus, der den Rufmord und zuweilen den wirklichen Mord unserer prominenten sowie unserer unbekannten Männern lizensiert, uns viele neue ökonomische und kulturelle Triumphe beschert. Er bedeutet aber auch, dass der Übergang zu einer gleichmäßig friedlicheren und damit weniger gleichheitlichen Gesellschaft für uns wohl lang und schmerzhaft sein wird. Martin Luther King versuchte, die Amerikaner in dem viel Ausdauer und Geduld erfordernden Sport des gewaltlosen und erfindungsreichen Widerstandes auszubilden. Wenn wir zwischen Gewalttätigkeiten und machtvollem Druck in Richtung auf soziale Veränderung nicht unterscheiden können, und daher zu verzweifeln beginnen, und wenn wir die Aufgaben vor denen wir stehen, in ihrer Bedeutsamkeit nicht richtig einschätzen, dann besteht die Gefahr, dass die ambivalenten Bemühungen um Repression scheitern, und dass wir eines Tages den Bürgerkrieg des vorherigen Jahrhunderts als den ersten Bürgerkrieg bezeichnen werden.

David Riesman

Prof. Riesman und Gattin vor ihrem Haus in Cambridge, Mass. im Aug 1987

David Riesman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Horst J. Helle