Ludwig-Maximilians-Universität München  

  Dead Sociologists Society

 


Georg Simmel (1858-1918)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auszug aus:
Helle, Horst J., Einführung in die Soziologie, 2. Auflg., München: Oldenbourg 1997.

Isaak Simmel, der Großvater Georgs, hatte in Schlesien gelebt und dort als reifer Mann um das Jahr 1840 in Breslau das Bürgerrecht erhalten. Er war der Begründer einer erfolgreichen Kaufmannsfamilie. Sein Sohn Edward, Georg Simmels Vater, war dort 1810 geboren worden. Auch er war Kaufmann. Auf einer seiner zahlreichen Reisen in der Zeit zwischen 1830 und 1835 konvertierte er in Paris vom jüdischen Glauben zum römisch katholischen Christentum. Edward Simmel heiratete im Jahre 1838 die ebenfalls aus Breslau stammende Flora Bodenstein. Auch ihre Familie war vom jüdischen zum christlichen Glauben übergetreten, doch wurde sie nicht katholisch, sondern evangelisch getauft. Die Eltern Georg Simmels siedelten nach Berlin über, wo Edward Simmel die Schokoladenfirma "Felix und Sarotti" gründete und dann offenbar günstig verkaufen konnte (Gassen, K., Landmann, M. (Hg.), Buch des Dankes an Georg Simmel, Berlin: Duncker & Humblot 1958, S. 11). Als Simmels Vater früh starb, hinterließ er ein ansehnliches Vermögen. Da die Zahl der Geschwister, von denen Georg Simmel das jüngste war, sieben betrug, hätte der frühe Tod des Vaters im Jahre 1874 für die Familie andernfalls eine Katastrophe auch in materieller Hinsicht bedeutet. Ein Freund der Familie und bedeutender Musikverleger, Julius Friedländer, wurde zum Vormund Georg Simmels bestellt. Ihm hat Simmel später seine Doktorarbeit "In Dankbarkeit und Liebe gewidmet" (ebd: 11).

Wie seine Mutter wurde Georg Simmel evangelisch getauft. Während des ersten Weltkriegs trat er aus der Kirche aus, nicht so sehr, weil er sich vom christlichen Glauben abwenden wollte, als vielmehr aus "dem Bedürfnis nach weltanschaulicher Ungebundenheit" (ebd: 12). Seine Ehefrau, Gertrud Kinel, die er 1890 heiratete, stammte wie Georg Simmel selbst aus einer konfessionell gemischten Familie, war jedoch im Unterschied zu Simmel, wie ihr Vater, katholisch getauft worden. Da die Mutter die religiöse Erziehung besorgte, wurde Gertrud im Anschluß an die katholische Taufe evangelisch erzogen. Der gemeinsame Sohn von Georg und Gertrud Simmel, Hans Simmel, wurde a.o. Professor der Medizin in Jena. Er starb Ende der dreißiger Jahre als Emigrant in den U.S.A

Der Haushalt von Georg und Gertrud Simmel wurde in Berlin zu einem geistig kulturellen Zentrum: Dort verkehrten als Gäste Rainer Maria Rilke, Stefan George, Edmund Husserl, Reinhold und Sabine Lepsius, Heinrich Rickert, Max und Marianne Weber u.a.. Das Wirken Georg Simmels an der Universität Berlin übte große Anziehungskraft auf Zuhörer aus recht unterschiedlichen Kreisen aus: "Simmels Vorlesungen über Probleme der Logik, Ethik, Ästhetik, Religionssoziologie, Sozialpsychologie und Soziologie wurden zum Teil wie kulturelle Ereignisse gefeiert, in den Tageszeitungen angekündigt und bisweilen sogar rezensiert. Sein Auditorium setzte sich, von vielen Kollegen spöttisch vermerkt, aus vielen Ausländern, geistig interessierten Nichtakademikern, Studenten aller Fakultäten und vor allem zahlreichen Frauen zusammen. Übereinstimmend berichten ehemalige Hörer von der faszinierenden Vortragsweise Simmels, von seiner Fähigkeit, den Gedankengängen beinahe physische Substanz zu verleihen und die behandelten Gegenstände vor dem geistigen Auge der Anwesenden entstehen zu lassen, statt, wie viele seiner Kollegen, fertige, scheinbar unwiderlegbare Ergebnisse aneinanderzureihen" (Schnabel, P. E., Georg Simmel. In: D. Käsler (Hg.), Klassiker des soziologischen Denkens, Bd.I, München: Nymphenburger Verl.-Hdlg. 1976, S. 272).

Die schulische und universitäre Ausbildung, die zu den späteren Erfolgen Simmels als Hochschullehrer beitrug, erhielt er ausschließlich in Berlin. Mit 18 Jahren bestand er sein Abitur, immatrikulierte sich im Sommersemester 1876 an der Berliner Universität und studierte dort fünf Jahre lang. Er begann ein Studium der Geschichtswissenschaft bei Theodor Mommsen, hörte Völkerpsychologie bei Lazarus und Steinthal und wurde schließlich Philosoph als Schüler der wenig bedeutenden Professoren Zeller und Harms, die ihn in die Werke von Kant, Hegel, Schopenhauer und Nietzsche einführten. Dabei ging der stärkste Einfluß auf Georg Simmel von Kant aus. Die zentrale Bedeutung der Universität Berlin wird daran sichtbar, daß Simmel im Laufe seines Studiums auch Droysen, von Sybel, von Treitschke, Jordan und Hermann Grimm (Simmel, G., Das Wesen der Materie nach Kants Physischer Monadologie, Diss.phil., Berlin 1881, S. 33) als seine Lehrer erlebte.

Im Jahre 1881 meldet Simmel sich zum Promotionsverfahren. Das Thema seiner Doktorarbeit lautet "Psychologische-ethnologische Studien über die Anfänge der Musik". Diese Dissertation wird abgelehnt! Als Gründe für die Ablehnung nennen die zuständigen Professoren in den überlieferten Dokumenten und Gutachten die thesenhafte Großzügigkeit der Ausführungen und die mangelhafte Genauigkeit der Beweisführung. Dabei wird zugegeben, daß der Gegenstand ungewöhnlich sei, aber die Art der Ausführung wird entschieden kritisiert: Viele Schreibfehler, unleserliche Zitate, u.s.w. Man muß also davon ausgehen, daß er seine Dissertation doch eher ein wenig zu großzügig abgefaßt und vorgelegt hat.

Er hatte aber andererseits kurz vor Beginn des Verfahrens, das zur Erteilung des Doktorgrades führen sollte, mit einer anderen Abhandlung einen Preis gewonnen. Seine erfolgreiche Preisschrift trug den Titel "Darstellungen und Beurteilungen von Kants verschiedenen Ansichten über das Wesen der Materie". Die Professoren, die mit der als Dissertation vorgelegten Arbeit über die Ursprünge der Musik nicht zufrieden waren, legten Georg Simmel nahe, er möge doch die Arbeit zurückziehen und stattdessen die preisgekrönte Schrift, die er aus anderem Anlaß verfaßt hatte, als Dissertation einreichen. Diesem freundlichen Rat folgte Simmel gern, und so konnte er seinen Doktorgrad erwerben. Die mündliche Doktorprüfung legte er in den Fächern Philosophie, Kunstgeschichte und Altitalienisch ab. Die Dissertation erschien als Simmels erstes Buch im Jahre 1881 in Berlin mit dem Titel "Das Wesen der Materie nach Kants physischer Monadologie" (Simmel 1881, a.a.O.). Trotz dieses erfolgreichen Abschlusses steht fest, daß schon im Umkreis des Promotionsverfahrens bei Georg Simmel höchst ungewöhnliche Ereignisse auftraten.

Zwei Jahre nach der Promotion bewarb Simmel sich bei derselben Philosophischen Fakultät der Universität Berlin um die venia legendi für Philosophie. Im Zusammenhang mit diesem Verfahren, das ihn zum selbständig lehrenden Privatdozenten werden lassen sollte, traten noch schwerer wiegende Probleme auf: Wieder hatte er eine Schrift über Kant verfaßt, diesmal ist Thema seiner Abhandlung die Raum- und Zeitlehre Kants. Die Professoren, die zur Beurteilung der Habilitationsschrift vom Dekan bestellt waren, unter ihnen Wilhelm Wundt, lehnten die Arbeit ab. Sie sei zwar wissenschaftlich gut, aber am Thema vorbeigeschrieben worden. Erst nachdem sich die Professoren Dilthey und Zeller machtvoll für Simmel einsetzen, wird die Arbeit schließlich doch als Habilitationsschrift zugelassen. Im Anschluß an die Probevorlesung, zu der Simmel vorgeladen wird, kommt es dann während des Kolloquiums des Kandidaten mit der Fakultät zu einem Eklat, weil Prof. Zeller darauf hindeutet, daß er einen Gehirnlappen für den Sitz der Seele des Menschen halte, worauf Simmel die Situation völlig außer Acht läßt und in forscher Weise diese Ansicht als Unsinn kennzeichnet. Daraufhin läßt die Fakultät ihn zunächst einmal durchfallen. (Schnabel 1976, a.a.O., S. 273).

Die außergewöhnlichen Umstände im Zusammenhang mit seiner Promotion und seiner Habilitation, haben sich vermutlich ins Gedächtnis der Mitglieder der Fakultät in Berlin eingeprägt, obwohl sie in beiden Fällen schließlich zum erfolgreichen Abschluß der Verfahren führten. Zusätzlich zu dem Antisemitismus, von dem in der Literatur allgemein berichtet wird, und der vor allem im Umkreis der Kultusbehörden auch eine Rolle gespielt haben wird, kann man davon ausgehen, daß diese Ereignisse einen reibungslosen Verlauf der Hochschullehrerlaufbahn Simmels erschwert haben. Jedenfalls wird er im Januar 1885 für das Gebiet Philosophie habilitiert und damit Privatdozent an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin.

Der Arbeits- und Lebensstil, den er nun für sich einführt, wird so beschrieben: "Simmels Gewohnheit war es, vormittags und abends zu arbeiten, nachmittags dagegen liebte er es, Gäste und Freunde zu sehen. Sein nächster Freund war der Nationalökonom Ignaz Jastrow. Die beiden redeten so aufeinander ein, daß der eine kaum zuhörte, was der andere sagte; dennoch hatten sie immer das Gefühl, sich gut verstanden zu haben. Simmels Produktion ging ihm leicht von der Hand. Für die Vorlesung machte er sich kaum Notizen und kreierte während des Sprechens. Seine Aufsätze schrieb er ohne Korrektur hintereinander weg, als ob er sie innerlich schon vor sich sähe. Hinter der geistigen Brillianz und der menschlichen Güte verbarg sich aber eine irrationale Innenseite" (Gassen/Landmann 1958, a.a.O., S. 13). Was Gassen mit dieser "irrationalen Innenseite" meint, bleibt unklar.

Seine Fakultät, der er als Privatdozent angehört, beantragt im Jahre 1898, ihn zum Extraordinarius zu ernennen, was gleichbedeutend mit der Einweisung in eine Planstelle gewesen wäre. Das Ministerium folgte diesem Antrag jedoch nicht. Die Fakultät wiederholte daher im Februar 1900 nochmal ihren Versuch, Georg Simmel zum Extraordinarius ernennen zu lassen, und zwar diesmal endlich mit Erfolg. "Im Jahre 1908 hatte die Philosophische Fakultät der Universität Heidelberg ihre zweite philosophische Professur neu zu besetzen. Auf Empfehlung von Gothein und Max Weber schlug der Dekan Hampe dem Ministerium in Karlsruhe unter dem 17. Februar primo loco Rickert und an zweiter Stelle Simmel vor. Der auf Simmel bezügliche Passus hat folgenden Wortlaut:

'Sollten diese Schwierigkeiten (scil. Rickert zu gewinnen) unüberwindlich sein, so empfiehlt die Fakultät der Großherzoglichen Regierung die Berufung des außerordentlichen Professors an der Berliner Universität Dr. Georg Simmel. Im fünfzigsten Jahr stehend, ist Simmel in der mittleren Generation der gegenwärtigen akademischen Lehrer der Philosophie entschieden die eigenartigste Erscheinung. Man kann ihn keiner der allgemeinen Richtungen zurechnen; er ist von jeher seinen eigenen Weg gegangen, zunächst mit äußerst scharfsinniger, aber wesentlich negativer und einreißender Kritik in seiner zweibändigen 'Einleitung in die Moralwissenschaft', dann mit immer tieferer umfassender Bearbeitung der philosophischen Gesellschaftswissenschaft. Mit den methodologischen Fragen hat er sich in den feinsinnigen 'Problemen der Geschichtsphilosophie' (Simmel, G., Die Probleme der Geschichtsphilosophie. Eine erkenntnistheoretische Studie, 2. Aufl., Berlin: Duncker & Humblot 1905) auseinandergesetzt, die vielfache Berührung mit den Windelband-Rickertschen Auffassungen zeigen; aber seine Hauptwirksamkeit liegt in den soziologischen Arbeiten, die überall eine ungewöhnliche Beherrschung des den verschiedensten Wissenschaften angehörigen Forschungsmaterials und eine philosophische Durchdringung dieses reichen Stoffes zeigen...'" (ebd: 24f.).

Obwohl Rickert eine Berufung auf diesen Lehrstuhl ablehnte, erhielt Georg Simmel nicht die Chance, nach Heidelberg zu gehen. Der Lehrstuhl blieb für eine Weile vakant, bis ein gewisser Schwarz darauf berufen wurde. Ein Angebot, in den USA zu lehren, das Georg Simmel gehabt haben soll, ließ sich wahrscheinlich wegen des ersten Weltkriegs nicht verwirklichen. Endlich erhielt er im Jahre 1914 einen Ruf an die Universität Straßburg. So sehr er sich darüber gefreut haben mag, nun Ordinarius zu werden, so sehr muß ihm der Abschied von Berlin zur Qual geworden sein, denn er war Teil des Berliner Kultur- und Wissenschaftslebens geworden. "Daß Simmel nun die Universität verläßt, an der er dreißig Jahre tätig war, bedeutet nicht bloß für diese einen Verlust - auch für ihn. Ein so persönliches, so unvertretbares Kolleg, wie Simmel es las, hat eben sein Publikum, wie ein Theater, und man weiß: das Publikum folgt dem Direktor, den es schätzt, nicht ohne weiteres in ein neues Haus." (Ludwig, E., Simmel auf dem Katheder. In: Die Schaubühne 10/1, 1914, S. 413).

Simmel gehört zu denen, die nicht bereit waren, oktroyierte Formen intellektueller Disziplin wie Rituale zu übernehmen. Seine ihm zum Glück gegebene wirtschaftliche Unabhängigkeit hat er voll genutzt, um auch geistig selbständig bleiben zu können. Das ist einer der Schlüssel zu der bewundernswerten Kreativität und Vielfalt, die sein wissenschaftliches Werk bis zu seinem Tode gekennzeichnet hat. "Als er sich unheilbar krank fühlte, fragte er seinen Arzt: Wie lange habe ich noch zu leben? Er müsse es wissen, denn er habe noch sein wichtigstes Buch unter Dach und Fach zu bringen. Der Arzt sagte ihm die Wahrheit, und Simmel zog sich zurück und schrieb noch die 'Lebensanschauung'. Seinem Tod sah er entgegen wie ein antiker Philosoph. 'Ich warte auf das delische Schiff', schrieb er einem Freund. Er starb am 28." (Datum ist falsch, richtig ist der 26.) "September 1918 an Leberkrebs in Straßburg, wohin er vier Jahre zuvor berufen worden war. Vielleicht war der Tod zu diesem Zeitpunkt für ihn eine Gnade, denn viele ehemalige Straßburger Professoren sind wenig später, als das Elsaß wieder französisch wurde, der bittersten Armut anheimgefallen" (Gassen/Landmann, 1958, a.a.O., S. 13).

Im Anschluß an die schon erwähnte veröffentlichte Doktorarbeit über Kant beginnt die Publikationstätigkeit Simmels im Jahr 1882 mit einem Aufsatz in der Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft mit dem Titel "Psychologische und ethnologische Studien über Musik" (Simmel, 1882). Es handelt sich dabei um die geretteten Reste der gescheiterten Dissertation. Im Jahre 1884 erscheint in derselben Zeitschrift ein weiterer Aufsatz mit dem Titel "Dantes Psychologie". Drei Jahre danach publiziert er 1887 den Aufsatz "Über die Grundfrage des Pessimismus in methodischer Hinsicht" und kurz danach die Artikel "Michelangelo als Dichter" (1889) und "Moltke als Stilist" (1890). In den nächsten Jahren (1891 und 1892) veröffentlicht er dann die Arbeiten "Humanistische Märchen" und "Etwas vom Spiritismus". Die Aneinanderreihung dieser Titel zeigt, wie ungewöhnlich und vielfältig die Publikationstätigkeit Simmels zu Beginn seines wissenschaftlichen Wirkens schon gewesen ist. Das erste Buch, das er im Anschluß an die Dissertation der Öffentlichkeit übergibt, erscheint 1890 mit dem Titel "Über sociale Differenzierung. Sociologische und psychologische Untersuchungen". Der Untertitel signalisiert ausdrücklich den Anspruch, ein Werk zur Soziologie vorzulegen.

Wie die Einzelheiten seiner Biographie gezeigt haben, lebte Simmel von 1858 bis 1918. Von seiner Geburt bis zum Jahre 1914 war er in Berlin zu Hause. Nur die letzten vier Jahre seines Lebens, die mit dem ersten Weltkrieg zusammenfielen, verbrachte er als Ordinarius an der Universität Straßburg, wo er am 26. September 1918 an Leberkrebs starb (Helle, H. J., Soziologie und Erkenntnistheorie bei Georg Simmel, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1988, S.11). Simmel war Berliner, der Herkunft nach Jude, der Konfession nach Protestant, der akademischen Disziplin nach Philosoph und Soziologe. Er war das jüngste von sieben Geschwistern und wurde, als der wohlhabende Vater früh verschied, Erbe eines ansehnlichen Vermögens. Das erleichterte es ihm, seiner ohnehin starken Neigung zu geistiger Autonomie auch als Gelehrter zu folgen, und der Versuchung des Opportunismus im Universitätsbetrieb stets zu widerstehen.

Studium, Promotion und Habilitation absolvierte Simmel also an der Universität Berlin, und damit an einer Hochschule, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts Weltgeltung hatte. Zu den vielen Gelehrten aus dem Ausland, die vorübergehend in Berlin studierten, gehörten aus den U.S.A. der Philosoph George Herbert Mead und der Soziologe Robert Ezra Park. Simmel konkurrierte als Universitätslehrer, der in Berlin nicht Ordinarius war, mit den beiden Ordinarien der Philosophie, Zeller und Dilthey, doch für die Studenten war er der anregendere und faszinierendere Redner (Helle, H. J., Dilthey, Simmel und Verstehen. Vorlesungen zur Geschichte der Soziologie, Frankfurt am Main, Bern, New York: Peter Lang 1986, S.41). Im kleinsten Kreis ausgesprochener Spott machte gleichwohl die Runde: so die Bemerkung Simmels, an der Berliner Universität seien außer ihm selbst zwei Philosophen tätig, einer Zeller, der gar nicht wisse was Philosophie sei, der andere Dilthey, der es zwar wisse, es jedoch niemandem verrate (Gassen/Landmann1958, a.a.O., S. 141).

Den treuen Gläubigen der Synagoge war Simmel als Getaufter der verlorene Sohn, dem konservativen Preußen war er verdächtig, weil er den historischen Materialismus zwar als Tatsachenbeschreibung ablehnte, jedoch als Instrument zur Gewinnung zusätzlicher Einsichten gelten ließ, den Marxisten war er ebenfalls verdächtig, gerade weil er den historischen Materialismus als Tatsachenbeschreibung ablehnte, und weil er überdies schrieb, daß er Karl Marx für einen schwachen Philosophen halte (Helle, H. J., Simmel über Marx. Eine Kontroverse um die Methode der Makrosoziologie. In: Annali di Sociologia/Soziologisches Jahrbuch, Bd.1, 1986, S.210 u. 228). Viele, die sich wie Schopenhauer dem Buddhismus zugewandt hatten, ärgerten sich darüber, daß Simmel zu dem Ergebnis kam, der ursprüngliche Buddhismus sei keine Religion, da ihm eine personale Gottheit fehle (vgl. Helle 1988, a.a.O., S.131). Aus seiner eigenen evangelischen Kirche trat Simmel aus (Becher, H. J., Gespräch mit Charles Hauter vom 13. August 1979). Viele Intellektuelle unter den Katholiken lasen seine Schriften zustimmend, gerieten aber dann in einen Zwiespalt, als Pius X. 1907 den Modernismus mit unerbittlicher Schärfe verurteilte; denn manche der Gedanken Simmels standen in einer gewissen Nähe zum Modernismus.

Martin Buber (1878-1965), ein Schüler Diltheys und Simmels und einer der Lehrer von S. N. Eisenstadt, hat sich keinem der vielfältigen Vorbehalte gegenüber Simmel angeschlossen. Er kannte die verstreuten Aufsätze Simmels zum Thema Religion, die seit 1898 erschienen waren, und bemühte sich daher, Simmel als Autor für seine Schriftenreihe "Die Gesellschaft" zu gewinnen, in der ein Band "Die Religion" geplant war. Das soziologische Wirken Simmels beginnt aber, wie erwähnt, schon 1890 mit dem ersten Buch, das nach seiner Doktorarbeit gedruckt erscheint, der Arbeit "Über sociale Differenzierung". Simmel veröffentlichte in seinem Leben 24 Bücher und mehr als 200 Artikel. Es gibt heute kaum jemanden, der das Lebenswerk Simmels in seinem ganzen Umfang genau kennt. Die selektive Aufnahme von spezifischen Aspekten seiner Schriften hat immer wieder zu einseitigen Deutungen Simmels geführt.

Die Soziologie Georg Simmels ist eingebettet in seine Erkenntnistheorie. Er hat den historischen Realismus wie den historischen Materialismus als objektivistische Methoden zurückgewiesen und unter Berufung auf Kant die 'Verstehende Soziologie' begründet. Ihm ist Max Weber bei der Entfaltung der Methode des Verstehens verpflichtet, und auf seine Vorarbeiten stützen sich alle Autoren, die wie Peter L. Berger und Thomas Luckmann die Wirklichkeit als konstruiert bezeichnen. Zu den Grundannahmen des 'Verstehenden Ansatzes' gehört dies: Eine objektive Realität mag immerhin existieren, aber wir können sie nicht erkennen. Den Ausschnitt daraus, den wir für unsere Wirklichkeit halten, haben wir selbst mitgeschaffen, indem wir ihn aus einer bestimmten Perspektive konstruierten. Diese Position Simmels, kann in ihrer Bedeutung klarer dargestellt werden, wenn sie vor dem Hintergrund der allgemeinen Kontroverse um wissenschaftliche Objektivität als Ausblendung oder Einbeziehung des erkennenden Menschen gesehen wird.

 

 

 

 

Georg Simmel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Prof. Horst J. Helle