Ludwig-Maximilians-Universität München  

  Dead Sociologists Society

 


Friedrich H. Tenbruck (1919 - 1994)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Friedrich H. Tenbruck

Thesen aus dem Manuskript: "Das Werk Max Webers"

1.Max Webers Hauptwerk - eine Annahme der Interpretation

a) Wirtschaft und Gesellschaft (WG) gilt seit 1921 als das nachgelassene Hauptwerk Max Webers. Am bekanntesten, am häufigsten gelesen und behandelt wurde vielmehr die Protestantische Ethik (PE), also eine Frühschrift. (S.4)

b) Für viele lag die entscheidende Leistung in seiner Methodologie, so vor allem für die neopositivistischen Schulen... (S.5)

c) Eine andere Deutung konzentrierte sich auf dsa Konzept der verstehenden Soziologie und hielt sich an die in den ersten Paragraphen von WG explizierten Grundbegriffe... (S.6)

d) Ob Weber seinem Hauptwerk... im ganzen keine sachliche einheit geben wollte, oder es vielmehr nicht konnte, zwischen diesen beiden Auffassungen schillern alle die Äußerungen über den Torso... (S.7)

e) Mangels Entschlüsselung von WG konnte sich die Auslegung der Soziologie Webers nicht an seinem Hauptwerk vollziehen. (S.8)

f) Als das zentrale Thema der Arbeit Webers hat Reinhard Bendix die Grundfrage nach der Entstehung der rationalen Kultur der westlichen Welt herausgestellt, allerdings um den Preis, daß er WG und die Gesammelten Aufsätze zur Religionssoziologie (GARS) auflöste und auf neue Weise zusammensetzte. (S.9)

Bendix´ Interpretation kann noch nicht das letzte Wort sein. (S.10)

2.Der religionsgeschichtliche Ansatz

a) In der Urfassung der PE von 1904 fehlt der Satz: "Jener große religionsgeschichtliche Prozess der Entzauberung der Welt, welche... alle magischen Mittel der Heilssuche als Aberglauben und Frevel verwarf, fand hier seinen Abschluß.". Diese Stelle ist ein Einschub, den Weber erst angebracht hat, als er 1919/1920 die PE für die GARS überarbeitete. (S.11)

b) Diese Auffassung Webers stellt eine spätere Erkenntnis dar. Wann und wo ist sie Weber zugefallen?

3.Okzidentale Rationalisierung und religionsgeschichtliche Entzauberung

a) Weber hat zwischen religiongeschichtlicher Entzauberung und okzidentaler Rationalisierung getrennt... (S.16) Die religiöse Entzauberung endet... streng genommen in der Protestantischen Ethik, während die eigentliche Rationalisierung damit ja erst beginnt. (S. 18/19)

b) Wir wollen deshalb... vorerst
aa) den ganzen Vorgang als Rationalisierungsprozeß,
bb) hingegen die Entwicklung bis zur Protestantischen Ethik als Entzauberungsprozess,
cc) dessen Verdichtung und Fortsetzung endlich... als Modernisierung bezeichnen. (S.19)

c) Mit der PE hielt Weber... 1904 den Anfang der Modernisierung und damit das Ende der Entzauberung... in der Hand... Rund zehn Jahre später stieß er bei seinen religionssoziologischen Arbeiten auf das antike Judentum und damit auf den Anfang des Prozesses... (S.20)

4.Die Rationalisierungsthese

a) Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen (WEWR) analysiert zwar das Judentum, befaßt such aber überhaupt nicht mit der okzidentalen Entwicklung, und WG hält sich, soweit es sich überhaupt auf das Thema einläßt, fast ausschließlich an die Modernisierung... Bei dieser Sachlage muß Webers Absicht in Zweifel geraten, den Rationalisierungsprozeß durch Nachzeichnung seiner wesentlichen Stationen darzulegen und nachzuweisen. (S.28)

b) Für Weber... lag seine entscheidende Entdeckung in der Erkenntnis, daß die Rationalisierung... von dem Zwang einer inneren Logik getragen wurde, welche in dem unaufhaltsamen Drang zur Rationalisierung religiöser Ideen angelegt war. Deshalb ist der Rationalisierungsprozeß im Kern ein religionsgeschichtlicher Entzauberungsprozeß... (S.30)

5.Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen: ihre Stellung im Werk Webers

a) Nach WG abgefaßt, muß die WEWR als die letzte der großen Sachforschungen und somit als der letzte Erkenntnisstand Webers gelten. (S.32)

b) Die eiligen und dunklen Ausführungen der "Einleitung" und der "Zwischenbetrachtung" bringen nicht einführende Bemerkungen und überschüssige Reflexionen..., sondern ziehen vielmehr erst die systematische, wiewohl schwer enträtselbare Summe der jahrelangen historisch-soziologischen Untersuchungen. Sie enthalten somit das Fazit und die letzte von Weber erreichte Stufe der Torso gebliebenen WEWR. (S.33)

c) WG entspricht... einer Stufe des Probierens, das einerseits den in der PE nur in seinem 'Geist' erfaßten Modernisierungsprozeß wirtschaftlich wie gesellschaftlich verfolgen, andererseits nach sonstigen Wurzeln des Vorgangs suchen, also hinter den Protestantismus zurückgreifen will. Frucht dieser Suche sind die einschlägigen Abschnitte über Herrschaft und Bürokratie einerseits, über Stadt und Recht andererseits. (S.36+37)

d) Als Weber die WEWR als Torso im Archiv 1915 zu veröffentlichen begann, zog er mit der "Einleitung" und der "Zwischenbetrachtung" eilig ein Ergebnis. Dabei schossen ihm unerwartet die Daten zu einer generellen Antwort auf die Frage zusammen, wie sich die Rationalität zwischen Interessen und Ideen entwickelt. (S.39)

e) Um diesen neu erreichten Erkenntnisstand zu veröffentlichen, faßte er später PE und WEWR zu den GARS zusammen. (S.39)

f) Die GARS sind deshalb das Werk, das Weber am längsten beschäftigt hat, in dem er seinen Problemen frei folgen konnte, in dem er sie schließlich zum Abschluß brachte. (S.41)

6.Universalgeschichte und Rationalität

a) Die rationalen Zwänge, denen die Religionen folgen sollen, ergeben sich... aus dem Bedürfnis, eine rationale Antwort auf das Theodizeeproblem zu erhalten, und die Stufen religiöser Entwicklung sind die immer expliziteren Fassungen dieses Problems und seiner Lösungen. (S.47)

b) Weber leugnet... radikal,... daß der Mensch seine Rationalität unmittelbar an der Wirklichkeit betätigt und gewinnt, im Dienst seiner vernünftigen Interessen... Für Weber... beansprucht die religiöse Rationalisierung mit ihrer Eigenlogik Priorität, entwickelt sich also das, was wir kurzerhand Rationalität nennen, unter dem Vorbehalt der religiösen Rationalisierung.

c) Das charakteristisch Neue bei Weber liegt... darin, daß die Weltbilder, aus irrationalen zufällen geboren, einem doppelten Druck der Rationalität unterliegen. Denn erstens müssen sie alle der Struktur der "Theodizee" genügen, d.h. jenen dunklen Aspekten des Daseins, welche als das spezifisch Sinnlose empfunden werden, jeweils auf ihrer Stufe theoretisch erklären und praktisch überwinden. Und zweitens müssen sie unter dem Druck dieser Anforderung zu immer umfassenderen und einheitlicheren Erklärungen der Welt unter den Gesichtspunkten einer rationalen Theodizee fortgetrieben werden.

d) Ungeachtet der Tatsache, daß menschliches Handeln unmittelbar von Interessen angetrieben wird, finden sich in der Geschichte langfristige Abläufe, deren Richtung von "Ideen" bestimmt worden ist, so daß hier gewissermaßen die Menschen sich für ihre Interessen abrackern und damit langfristig doch nur das Wasser der Geschichte auf die Mühlen der Ideen leiten, mit ihren Tun in deren Bann verbleiben. (S.50)

e) Nicht die Beharrungsmacht der ideen, sondern die Dynamik ihrer Eigenlogik macht aus ihnen Weichensteller der Geshcichte. Gewisse Ideen entwickeln sich unter dem Zwang ihrer Eigenlogik zu ihren rationalen Konsequenzen fort und bewirken dadurch universalgeschichtliche Abläufe - das ist das Ergebnis der WEWR. (S.52)

f) Für Weber pocht in der zweckrationalen Orientierung am Erfolg notwenidg auch die Suche nach dem außeralltäglichen Charisma, das unmittelbare Erlösung aus der Handlungsunsicherheit verspricht, und damit auch die Frage, wie sich der Handlungsdruck der Erfolgswünsche mit dem Realitätsdruck der Erfolgsunsicherheit zusammenreimt. (S.54)

g) Den Satz von der Rolle der Ideen kann und muß man auch so lesen, daß Interessen blind sind. Sie richten sich nur gelegentlich auf bestimmte Aspekte der Wirklichkeit und betreiben deren Rationalisierung nur bis zum Punkt der Sättigung, sind also kurzfristige Antriebe, welche bei Befriedigung zum Widerstand gegen weitere Rationalisierung werden... Die Weichenstellung der Ideen ist deshalb die Kehrseite der Blindheit der Interessen. (S.60)

7.Das Werk Max Webers

a) Das gesamte Werk, einschließlich der Wissenschaftslehre, lebt von der Frage: Was heißt Rationalität? (S.63)

b) Weber war nun einmal, wie in seiner Methodologie nachzulesen, der Meinung, daß Sozialwissenschaft erst dann sinnvoll sei, wenn sie nicht in der Erklärung faktischer Abläufe (durch Subsumtion unter Gesetze) stecken bliebe, sondern die Kulturbedeutung der Phänomene frei läge, weil dadurch die Erscheinungen dem Menschen erst ihren Sinn und damit zugleich seine sinnhafte Stellungnahme freigeben. (S.64)

c) Biographisch ist WG mit seinen beiden Teilen in zwei Anläufen geschrieben worden, die sich auf insgesamt drei Jahre bemessen, während die Sachfragen der PE und WEWR Weber über seine ganze Lebenszeit hin, die Frage nach der Rationalität ihn dauernd beschäftigt hat. (S.65)

Friedrich H. Tenbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Prof. Horst J. Helle