• Prof. Horst J. Helle
  • Verstehende Soziologie. Lehrbuch
  • München: Oldenbourg Verlag
  • Gebundene Ausgabe, 210 Seiten

 

 

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Auszüge aus dem Buch

Inhaltsverzeichnis
Einführung
Spinoza

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Inhaltsverzeichnis

A. Einführung
B. Erkenntnistheoretischen Vorarbeiten

I. Baruch de Spinoza (1632-1677)
1. Person und Werk Spinozas
2. Affektuelle Komponenten der Wahrnehmung
3. Bezug zum Verstehenden Ansatz
II. Immanuel Kant (1724-1804)
1. Vernunft, Wissen und Wollen
2. Blumenbach: Naturwissenschaftliche Spekulationen
3. Evolution und Konstruktion
III. Wilhelm Dilthey (1833-1911)
1. Emanzipation der Einzelwissenschaften
2. Unterscheidung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften
3. Von der Verstehbarkeit der Gesellschaft
4. Die Bedeutung Diltheys für Georg Simmel und Max Weber
C. Verstehende Soziologie
I. Entwurf des verstehenden Ansatzes durch Georg Simmel (1858-1918)
1. Wirklichkeitskonstruktion und das Problem der Einheit
2. Grundlegung der Verstehenden Soziologie
a) Sich "in die Seele der Personen versetzen"
b) Arten des Verstehens
3. Unterscheidung von Erkenntnisgrund und Realgrund
4. Geld als sozial konstruierte Wirklichkeit
5. Verstehende Religionssoziologie
6. Musiksoziologie bei Georg Simmel und Max Weber
II. Ausarbeitung des Verstehenden Ansatzes durch Max Weber (1864-1920)
1. Über den Umgang mit Werturteilen
2. Zur Konstruktion von Idealtypen
3. Protestantische Ethik und kapitalistischer Geist
4. Das antike Judentum
5. Religionen in Asien
6. Kritik der Psychoanalyse
D. Weiterentwicklung des verstehenden Ansatzes
I. George Mead (1863-1931) und Hans Freyer (1887-1969)
II. Strauss, Shibutani und Goffmann

1. Strauss: Synthese zwischen Mikro- und Makrosoziologie
2. Shibutani: Mitgliedschaft als Perspektive
3. Goffman: Bedingungen der Realitätszuschreibung
Anhang
1. Meads Verständnis von "I" und "me"
2. Ein Interview mit Herbert Blumer (1900-1987)
Literaturverzeichnis

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A. Einführung

Mitten im Zweiten Weltkrieg veröffentlichte Karl R. Popper sein Werk "The Open Society and Its Enemies". Es erschien 1944 in Neuseeland. Popper konfrontiert darin die magischen Kräfte der Stammesgesellschaften mit den kritischen Fähigkeiten des Menschen in einer "offenen Gesellschaft". Er wirft den großen Denkern westlicher Kultur, Platon, Kant und besonders Hegel und Marx vor, den Feinden der "offenen Gesellschaft" Argumente geliefert zu haben. Als Ergebnis solcher Tendenzen hatte Popper den Nationalsozialismus in Deutschland und den Stalinismus in der Sowjetunion vor Augen. Poppers Warnung vor einem Denken, das nicht immer wieder streng geprüft wird an dem, was man empirisch testen und logisch schließen kann, war 1944 unmittelbar plausibel. Wenn die Vorherrschaft eines bestimmten sozialwissenschaftlichen Paradigmas als Antwort auf die jeweiligen politischen Verhältnisse gesehen werden kann, ist der "Kritische Rationalismus" in der Nachfolge des Karl R. Popper eine Reaktion auf Nationalsozialismus und Stalinismus. Kompatibel mit der von Popper propagierten Orientierung ist in der Soziologie der Positivismus, der schon an der Wiege dieser Disziplin stand, und in dessen Verlängerung sind es die großen theoretischen Leistungen von Emile Durkheim und Talcott Parsons. Parsons hatte sich in den fünfziger Jahren mit seiner "grand theory" durchgesetzt. Er beanspruchte, eine Synthese aus den Werken Durkheims und Max Webers vorgelegt zu haben. In Wahrheit war jedoch das, was er anbot, eine Ausarbeitung des Ansatzes von Durkheim unter Hereinnahme nur von Teilen der Terminologie Webers. So konnte sich auch das Werk des Talcott Parsons als Beitrag zum Schutz vor den magischen Kräften der Stammesgesellschaften (nach Popper) präsentieren. Als die restaurative Stabilität in der Regierungszeit des Bundeskanzlers Adenauer in Deutschland und des Präsidenten Eisenhower in den U.S.A. in politische Stagnation umzuschlagen drohte, (oder - je nach dem politischen Standpunkt des Betrachters - längst umgeschlagen war), trat an die Stelle der Furcht vor zuviel stammesgesellschaftlicher Phantasie (wie bei Popper), die Sorge um zuwenig kreatives Denken. Als Antwort auf diese historische Lage erschien 1966 in den U.S.A. das Buch von Peter L. Berger und Thomas Luckmann "The Social Construction of Reality". Dieser vielversprechende Ansatz konnte zunächst wenig Wirkung entfalten, weil etwa gleichzeitig die Orientierung an Karl Marx zum "mainstream" in der Soziologie wurde. Berger und Luckmann stützen sich auf bedeutende Vertreter aus Philosophie und Sozialwissenschaft, die daran erinnert haben, daß der Mensch sich von der Wirklichkeit ein Bild machen muß, weil er sie so, wie sie von sich aus ist, nicht in sein Bewußtsein aufnehmen kann. Aus dieser Sicht, wissen wir gerade nicht, was die Wirklichkeit ist, sondern wir konstruieren uns unser Bild der Wirklichkeit, und zwar nicht in isolierter Einzelaktion, sondern gemeinsam mit unseren Mitmenschen, also sozial. Die Soziologie muß sich für den Vorgang interessieren, in dessen Verlauf, "The Social Construction of Reality" stattfindet. Das bringt uns zu dem Thema Verstehen. Neben dem offenkundigen Sinn des Wortes im Alltagsdeutsch, hat es die hier gemeinte besondere Bedeutung, daß eine Person sich bemüht, den Prozeß nachzuvollziehen, im Laufe dessen eine - oder mehrere - andere Person(en) sich ein Bild der Wirklichkeit geschaffen hat (bzw. haben). Unterstellt wird zunächst also, daß Wirklichkeit sozial konstruiert ist, und Verstehen bedeutet dann, daß jemand rekonstruiert, was vorher schon konstruiert war. Dies ist der Ausgangspunkt für ein eigenes, mit der positivistischen Tradition nicht kompatibles Paradigma, nämlich für die verstehende Soziologie (VS). Die VS zeichnet sich durch ihre charakteristische theoretische Methode aus. Deren Besonderheiten werden in den folgenden sechs Punkten skizziert. Das geschieht als vereinfachte Gegenüberstellung des verstehenden mit dem den Naturwissenschaften nahestehenden szientistischen Ansatz.

1. Erkenntnistheorie: Was können Menschen zuverlässig wissen?

Seit ihren Anfängen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hat sich die VS gegen eine szientistische Erkenntnistheorie durchsetzen müssen, die vom Optimismus der Aufklärung und den Erfolgen der Naturwissenschaften geprägt war. Im Überschwang der raschen Gewinnung immer neuer Einsichten glaubte man vor dem Entstehen der VS, dem um Wissen bemühten Menschen sei grundsätzlich alles Existierende zugänglich. Es sei deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die letzten weißen Flecken auf der Landkarte wissenschaftlichen Forschens verschwinden werden. Jede einmal richtig erarbeitete Erkenntnis bleibe - so meinte man außerdem - unverlierbar erhalten. Die zahlreichen Bände eines Konversationslexikons - bezeichnenderweise auch Enzyklopädie genannt - dokumentieren die fortlaufende Anhäufung von immer mehr Wissen, weil aus der Sicht dieser erkenntnistheoretischen Position alles was ist, auch wissenschaftlich gewußt werden könne, und weil alles einmal richtig Erkannte der Menschheit nie wieder verloren gehe. Dagegen vertraten Georg Simmel und andere Wegbereiter der VS die Ansicht, daß der Mensch die Wirklichkeit so, wie sie von sich aus ist, gar nicht erkennen könne. Das liege an ihrer unendlichen Vielfalt und daran, daß ihr eine einsehbare Struktur fehle. Daraus folgt: Der Mensch muß sich die unüberschaubare Fülle erfahrbarer Einzelheiten erst zugänglich machen, indem er - je nachdem, was er erkennen will - daraus auswählt und die ausgewählten Daten unter bestimmten Ordnungsgesichtspunkten zusammenstellt. Das Bild der Wirklichkeit, das so entsteht, ist dann von der um Wissen bemühten Person gestaltet worden. Häufig stehen Menschen bei kreativem wissenschaftlichen Arbeiten im Austausch miteinander, so daß sie nicht als isolierte Einzelne, sondern sozial dem ausgewählten Aspekt der Realität eine Form geben. Sowohl für wissenschaftliches Arbeiten als auch im lebenspraktischen Bereich spricht man daher von der "sozialen Konstruktion der Wirklichkeit". Im zwischenmenschlichen Nahbereich kommt es zuweilen zu dem Vorwurf: "Du kennst mich ja gar nicht wirklich, du machst dir nur ein Bild von mir!" Diese Anschuldigung hat die an den Naturwissenschaften - szientistisch genannte - Erkenntnistheorie zur Voraussetzung. Auf dem Boden der theoretischen Methode der VS wäre sie unbegründet. Man könnte seinem Gegenüber erwidern, daß die Erwartung ganz unrealistisch sei, einer könne den anderen vollständig und so, wie sie oder er von sich aus tatsächlich ist, unverfälscht erkennen. Ein solches Erkennen ist dem Menschen nicht möglich, und der Einzelne muß eingestehen, daß er nicht einmal sich selbst eindeutig erkennen kann. Sich "ein Bild zu machen" ist ein - aus der Sicht der VS unvermeidbares - Zugeständnis an die begrenzten menschlichen Möglichkeiten. Weil das Wissen, das Menschen sich aneignen, auf die bestimmte Lebenssituation bezogen bleibt, in der gerade gehandelt werden muß, ist es weder allgemeingültig noch unverlierbar ewig gültig. Darum führt die Erkenntnistheorie der VS nicht zu einer Enzyklopädie. Max Weber wendet das positiv und schreibt von der Jugendlichkeit aller historischen Disziplinen, "denen der ewig fortschreitende Fluß der Kultur stets neue Problemstellungen zuführt. Bei ihnen liegt die Vergänglichkeit aller, aber zugleich die Unvermeidbarkeit immer neuer idealtypischer Konstruktionen im Wesen der Aufgabe" (Weber, 1951: 206).

2. Sitz der Wirklichkeit: außen oder innen?

Die Vertreter der szientistischen Erkenntnistheorie, nach der für den Menschen früher oder später alles Existierende zugänglich und daher wißbar wird, sehen den Sitz der Wirklichkeit in dem, was die Person umgibt, was also außerhalb ihrer liegt. Der einzelne Forscher wirkt aus dieser Sicht wie eine Kamera. Sie wird auf die Dinge gerichtet, die ihm begegnen, und läßt gleichsam auf dem Bildschirm seines Bewußtseins präzise Abbildungen dessen entstehen, was da draußen vorliegt. Der Sitz der Wirklichkeit ist insofern außen; was innen geschieht ist nur die Herstellung einer Kopie. Anders sehen das die Vertreter der VS: Was ein Mensch für die Wirklichkeit hält, mag ganz falsch sein, aber dennoch wird er aufgrund dessen handeln, was er für sich als wirklich hinnimmt. Des Denken und Handeln des Einzelnen mag von der Realität "da draußen" weitgehend abgekoppelt sein, es ist gleichwohl wirklich in dem Sinn, daß es geschieht: man wird es schwerlich ignorieren können. Ein Therapeut kann nicht mit Aussicht auf Erfolg einem Ratsuchenden schlicht mitteilen, was er meint sei falsch. Er muß sich zunächst auf das einlassen, was seinem Gegenüber als wirklich erscheint, und das gilt nicht nur im Austausch zwischen Therapeut und Patient. Jeder wird jedem, den er ernstnehmen will, zugestehen, daß er oder sie einen Aspekt der Realität in sich trägt. So gesehen, ist Sitz der Wirklichkeit die Innenseite der Person.

3. Theorietypen: Reproduktion oder Konstruktion ?

Von einer Reproduktion spricht man, wenn eine Vorlage möglichst getreu nachgebildet wird. Dazu paßt auch das Bild von dem Menschen als Kamera, der in seinem Bewußtsein die ihm außen vorliegenden Objekte reproduziert. Aber in diesem dritten Punkt unserer Skizze der Vorgehensweise der VS geht es nicht um außen oder innen, sondern um Typen von Theorien. Der Ansatz, gegen den sich die VS durchsetzen mußte, betrachtete Theorien als Modelle der Wirklichkeit. Wenn uns während unserer Schulzeit die Theorie unseres Sonnensystems erläutert wurde, lernten wir darin ein Abbild dessen sehen, was - soviel wir wissen - bei der Umkreisung der Sonne durch die Erde und die anderen Planeten tatsächlich geschieht. Eine solche Theorie hat die Aufgabe, die Realität, auf die sie sich bezieht, modellhaft zu reproduzieren. Im Zusammenhang mit der Methode der VS hat Theorie eine andere Aufgabe: Sie ist nicht Abbild oder Modell, sie verhält sich nicht zu ihrem Gegenstand wie die Landkarte zur Landschaft, sondern sie ist vergleichbar einer Brille oder einem Fernglas, mit dem man eine Landschaft sichtbar macht. Sie soll Hilfsmittel bei der Gewinnung von Einsichten sein. Wie man eine Brille nicht dann besonders schätzt, wenn sich die Gegenstände darin spiegeln, so auch eine verstehende Theorie nicht, wenn sie Reproduktion ist. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, Zugang zu Erkenntnissen zu eröffnen, die sonst unzugänglich bleiben würden. Das gilt z.B. für die Idealtypen, mit denen Max Weber zu arbeiten vorschlägt, und mit denen er selbst gearbeitet hat. Einen Idealtyp als Konstruktion kann man daher nicht sinnvoll durch einen Vergleich mit der Wirklichkeit beurteilen. Ähnlich wie ja ein Fernglas nicht der Landschaft ähneln kann, die man damit anschauen will, kann auch nicht von einer verstehenden Theorie erwartet werden, daß sie ihren Gegenstand abbildet. Gleichwohl muß auch eine solche Theorie einem kritischen Test unterworfen werden können. Eine verstehende Theorie kann nicht danach beurteilt werden, ob die darin enthaltenen Aussagen mit der vorfindbaren Wirklichkeit übereinstimmen, sondern danach, ob man mit ihrer Hilfe die Wirklichkeit besser erforschen und erkennen kann. Das ist darum so, weil man in der VS die Theorie als heuristische Konstruktion versteht, also als ein gedanklich gestaltetes Hilfsmittel der Erkenntnisgewinnung. Sie ist also nicht Abbild oder Modell, das danach bewertet wird, ob es "naturgetreu" ist. Der Theorietyp der VS muß danach eingeschätzt werden, was er zum Erarbeiten neuer Einsichten beitragen, was er leisten kann.

4. Stellung des Subjekts: ausgeblendet oder einbezogen ?

Die szientistische Forschung setzt Datensammlungstechniken voraus, durch deren sachkundige Anwendung sichergestellt wird, daß die erzielten Resultate unabhängig davon sind, welche Person die Datensammlung durchführt. Alles Subjektive wird als "bias" identifiziert und nach Möglichkeit ausgeblendet. Der Anspruch, "Objektivität" im szientistischen Kontext zu erzielen, legt es auch nahe, die Forschungsergebnisse im Namen der Soziologie - oder sogar der Wissenschaft allgemein - vorzulegen und nicht etwa als die persönliche Überzeugung eines einzelnen Verfassers. Das ist übrigens die Konsequenz aus der in Punkt 2 skizzierten Annahme, daß der Sitz der Wirklichkeit außen ist. Dort hat sie ihren Ort, dort muß man sie also auch aufsuchen und gleichsam für sich selbst sprechen lassen. Weil für die VS der Sitz der Wirklichkeit nicht außen, sondern innen ist, weil im Kontext der VS außerdem die Theorie durch Konstruktion entstanden ist, muß man als Leser oder Zuhörer wissen, welche Person die Fragestellung formuliert, die Erhebung durchgeführt, die theoretischen Konzepte konstruiert hat. Die Beteiligung des forschenden Wissenschaftlers ist so wichtig, daß man ihn oder sie als Person berücksichtigen muß, um die Ergebnisse beurteilen zu können. Das Subjekt kann also aus der Sicht der VS gerade nicht ausgeblendet, es muß in den Diskurs ausdrücklich eingezogen werden. Daraus ergibt sich die Pflicht des verstehenden Soziologen, sich als Person, seine Vorannahmen, seine idealtypischen oder anderen Theoriekonstruktionen ausdrücklich zur Diskussion zu stellen (anstatt sie stillschweigend seinem Leser unterzuschieben).

5. Wirklichkeitstest: Ist das Wissen wirklich, weil es einem Gesetz folgt oder weil es zum Handeln anleitet?

Die Erwartung, man könne in der Gesellschaft Gesetze entdecken, die objektiv vorhanden sind und die der forschende Soziologe nur aufzufinden braucht, geht auf die frühesten Anfänge des Faches zurück. Auguste Comte wollte die neue akademische Disziplin ursprünglich "Soziale Physik" nennen, um diese Erwartung zum Ausdruck zu bringen. Auch Max Weber erwähnt (Weber, 1951: 188) die Neigung, Wirtschaftstheorie nach dem Vorbild einer Naturwissenschaft zu betreiben. Das lehnt er selbstverständlich ab als eine Analogie, die "hie und da phantastischerweise in Anspruch genommen" wurde, um "aus gegebenen realen Prämissen quantitativ bestimmte Resultate - also Gesetze im strengsten Sinne - mit Gültigkeit für die Wirklichkeit des Lebens deduzieren" (ebd.) zu können. Wer so methodisch vorgeht, müsse allerdings unterstellen, daß "die Wirtschaft des Menschen... eindeutig 'determiniert' sei" (ebd.) wie die Natur dem Physikers oder Astronomen noch im 19. Jahrhundert erschien. Der Wirklichkeitstest, dem die gewonnen Erkenntnisse unterworfen werden, sieht im Kontext des szientistischen Ansatz so aus: Die vielen Einzeldaten müssen sich in einen Gesetzeszusammenhang einfügen. Das kann man dadurch sichtbar machen, daß man einen Kurvenverlauf auf Millimeterpapier einträgt und sich dann davon überzeugt, daß die ermittelten Meßdaten möglichst genau dem Verlauf der Kurve folgen. Ist dies der Fall, dann kann der innere Zusammenhang der Daten, den die Kurve optisch zum Ausdruck bringt, auch als mathematische Formel ausgedrückt werden. In der Volkswirtschaftslehre der Gegenwart ist die Neigung zur Mathematisierung weit verbreitet. Ob die gewonnen Erkenntnisse der Forschung sich in Gesetzesform bringen lassen oder nicht, ist für die theoretische Methode der VS nicht interessant. Worauf es vielmehr ankommt, ist die Bewährung der jeweiligen Einsicht in menschlichem Handeln. Das wird am deutlichsten als Prinzip des "philosophischen Pragmatismus" von William James formuliert: "Beliefs, in short, are really rules for action; and the whole function of thinking is but one step in the production of habits of action. If there were any part of a thought that made no difference in the thought's practical consequences, then that part would be no proper element of the thought's significance" (James, 1898, zitiert nach James 1978: 123). James hatte sich über die Gedankengebäude spekulativer Theologie geärgert. Gegen solch handlungsfernes Denken richtet sich sein Pragmatismus. Wissenschaftliche Ergebnisse sind demnach insoweit wahr (und stellen einen Erkenntnisfortschritt dar), als sie dem Menschen helfen, wirksamer zu handeln.

6. Inhalt und Form: "Framing" als Konstruktionsprozeß

Die Unterscheidung von Inhalt und Form als erkenntnistheoretischer Kunstgriff der VS geht auf Georg Simmel zurück, ist allerdings bei der Rezeption seiner Schriften oft falsch verstanden worden. Simmel war von dem Werk Spinozas beeindruckt und hat bei ihm wichtige Anregungen dazu aufgenommen. Spinoza kannte den Dualismus des René Descartes, der die Welt des Wißbaren nach den Kategorien cogitatio und extensio unterschieden hatte. Damit bezeichnete Descartes die Wirklichkeit der Gedanken und Ideen einerseits (cogitatio) und die Welt der Dinge andererseits, deren Ausdehnung (extensio) man messen kann. Für ihn verbergen sich hinter der Zweiteilung des Descartes zwei Sichtweisen, von denen man jede auf die ungeteilte Einheit der Wirklichkeit anwenden kann. Sie ist also für Spinoza nicht von sich aus zweigeteilt in Ideen und Sachen, sondern sie erscheint dem Menschen bald als Welt des Denkens, bald als Welt der Dinge, je nachdem mit welcher Brille er sie anschaut. Bei diesem Beispiel ist die ungeteilte Wirklichkeit des Spinoza der Inhalt, den der Betrachter dann entweder in die Form der cogitatio oder in die Form der extensio bringt. in anderes Beispiel ist der Traum: Im Buch Genesis der Bibel wird Joseph von seinen Brüdern gehaßt, weil ihr Vater ihn mehr liebt als seine übrigen Söhne. Trotz dieser ungünstigen Ausgangslage erzählt Joseph seinen Brüder von einem Traum, in dem sie und er zusammen auf dem Feld arbeiten. Sie binden das Getreide in Garben und stellen sie zum Trocknen, doch Josephs Garbe "richtete sich auf und blieb stehen" (Genesis 37, 7), während er von seinen Brüdern geträumt hatte: "eure Garben aber stellten sich ringsum und verneigten sich vor meiner Garbe" (ebd.). Erstaunlich ist der Ernst, mit dem die Brüder auf den Traum reagieren. Die Stimmung verschlechtert sich dramatisch; denn sie werden noch zorniger auf Joseph als sie ohnehin schon waren, weil sie in dem Traum die Ankündigung seines Herrschaftsanspruchs über sie sehen. Dabei wäre es doch denkbar gewesen, daß sie die ganze Angelegenheit unwichtig finden und zur Tagesordnung übergehen, weil es sich eben nur um einen Traum gehandelt hatte. Die bildhafte Vorstellung von der Getreide-Ernte und dem auffälligen Verhalten der gebundenen Garben sind der Inhalt. Ob die Brüder des Joseph den Traum als Vorschau auf eine zukünftige Wirklichkeit oder nur als Illusion deuten, ist eine Frage der Form, in die sie den geträumten Inhalt bringen. Solche Entscheidungen, in denen bestimmten Inhalten alternative Formen zugesellt werden, durchziehen das Alltagsleben der Menschen: Der eine macht eine Bemerkung im Scherz, die der andere in die Form der Kränkung bringt usw. Der verstehende Ansatz setzt sich das Ziel, die Formgebungsprozesse, die Erving Goffman als "framing" bezeichnet, zu untersuchen (Goffman, 1974). Im Anschluß an die Punkte 1 und 3 dieser Skizze kann der Vorgang des "framing" als soziale Konstruktion von Wirklichkeit gesehen werden. Dabei stehen dem Wissenschaftler die zum Zweck der Erkenntnisgewinnung konstruierten Idealtypen als Formen zur Verfügung. Z.B. wird der historische Materialismus des Karl Marx von Georg Simmel als eine Form interpretiert, mit der man wirtschaftliche Zusammenhänge stark vereinfacht untersuchen kann. Daß Marx darin ein Abbild der Wirklichkeit gesehen hat, findet Simmel ganz abwegig. Wie Descartes die Realität tatsächlich zweigeteilt glaubte, und Spinoza dann in den beiden Alternativen nichts als unterschiedliche Sichtweisen sah, so glaubt Marx die Geschichte tatsächlich von wirtschaftlichen Vorgängen determiniert, doch Simmel sah darin eben nur eine recht fruchtbare Art der Betrachtung (Simmel, 1923, Simmel 1992, Helle, 1997: 112f). Im Lebensalltag stehen zur Wirklichkeitskonstruktion vielfältige Formen bereit, die der Einzelne seiner Kultur entnehmen kann. Simmel weist auf die großen Formungszusammenhänge hin, die der ganzen ungeteilten Wirklichkeit Gestalt geben können: Das sind Kunst, Religion, Wissenschaft und - erstaunlicherweise - Realität. Ihm stehen nicht mehr - wie bei Descartes und Spinoza - nur cogitatio und extensio zur Verfügung. Nach Simmels Überzeugung ist es möglich, alles in der Perspektive der Kunst zu sehen, oder alles durch die Brille der Religion oder der Wissenschaft. Und ob wir den Inhalt eines Traums für eine Illusion halten oder für einen Aufruf zum Handeln, hängt davon ab, ob wir ihm den Bezugsrahmen der Realität zuerkennen oder nicht. In Verlängerung des Konzepts von der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit wird die VS der Zukunft die Bedingungen untersuchen müssen, unter denen die Herstellung von Gewißheit interaktiv gelingt.

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B. Erkenntnistheoretische Vorarbeiten

I. Baruch de Spinoza (1632-1677)

1. Person und Werk Spinozas

Eines der besser bekannten Werke Spinozas ist sein Theologisch-politischer Traktat (Tractatus theologico-politicus, 1670). Darin gibt der Autor seinen Lesern Ratschläge über den Umgang mit der Bibel. Er empfiehlt, wie ein Jude die Thora oder ein Christ das Alte Testament der Bibel lesen solle. Spinoza weist darauf hin, daß Gott z.B. in einer bestimmten Situation einen Propheten berufen habe, der vor dieser göttlichen Intervention sein Leben in einem weltlichen Beruf verbracht hatte. Wenn dieser neuerwählte Prophet nach erheblichem Zögern sich schließlich damit einverstanden erklärt, als Prophet tätig zu werden, dann wird der die Prophezeiungen, die er verkündet, in der Metaphorik formulieren, die sich aus seiner früheren Berufstätigkeit ergibt. So wird er die Offenbarung des göttlichen Willens in Bildern darstellen: Falls der Prophet ein Bauer war, werden Gottes Absichten ihm als Ochsen und Kühe erscheinen, falls er ein Soldat war, wird er einen Oberbefehlshaber vor sich sehen, der die himmlischen Heerscharen kommandiert und falls es sich um einen Höfling handelt, wird ihm der Thron eines Königs und die damit verbundene Prachtentfaltung höfischen Lebens als Metaphorik für die Verkündigung dienen. Der Prophet nimmt also eine Konstruktion vor, die sich rekonstruieren - also verstehen - läßt, wenn man seinen ehemaligen Beruf kennt. Spinoza schließt daraus, daß es beim Lesen der heiligen Schriften weder darauf ankommt, die Formulierungen wörtlich in sich aufzunehmen, noch die Metaphern mit positivistischer Genauigkeit zu registrieren. Statt dessen empfiehlt er, zu unterscheiden zwischen der Sprache als einem Werkzeug für den Transport von Inhalten einerseits und dem angezielten Sinn als Bezugsrahmen andererseits. Der Aufruf Spinozas gipfelt in der Mahnung, der Leser der Bibel möge sich auf das konzentrieren, was Gott seinen Gläubigen durch den Mund der Propheten mitteilen wollte, und nicht auf die Metaphorik, die der betreffende Prophet als Folge seiner früheren Alltagsroutine, die im beruflich vertraut war, in seinen Prophezeiungen zum Einsatz bringt. Wie zu erwarten war - und ganz gewiß unter den Bedingungen des 17.Jahrhunderts - geriet Spinoza mit dieser Leseempfehlung in Schwierigkeiten: Er erschien vielen seiner Zeitgenossen als Häretiker und Ungläubiger.

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