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Auszüge aus dem Buch
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Inhaltsverzeichnis
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A. Einführung
1. Erkenntnistheorie: Was können Menschen zuverlässig wissen?
Seit ihren Anfängen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hat sich
die VS gegen eine szientistische Erkenntnistheorie durchsetzen müssen, die vom
Optimismus der Aufklärung und den Erfolgen der Naturwissenschaften geprägt war.
Im Überschwang der raschen Gewinnung immer neuer Einsichten glaubte man vor dem
Entstehen der VS, dem um Wissen bemühten Menschen sei grundsätzlich alles
Existierende zugänglich. Es sei deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die
letzten weißen Flecken auf der Landkarte wissenschaftlichen Forschens
verschwinden werden. Jede einmal richtig erarbeitete Erkenntnis bleibe - so
meinte man außerdem - unverlierbar erhalten. Die zahlreichen Bände eines
Konversationslexikons - bezeichnenderweise auch Enzyklopädie genannt -
dokumentieren die fortlaufende Anhäufung von immer mehr Wissen, weil aus der
Sicht dieser erkenntnistheoretischen Position alles was ist, auch
wissenschaftlich gewußt werden könne, und weil alles einmal richtig Erkannte
der Menschheit nie wieder verloren gehe.
Dagegen vertraten Georg Simmel und andere Wegbereiter der VS die Ansicht, daß
der Mensch die Wirklichkeit so, wie sie von sich aus ist, gar nicht erkennen
könne. Das liege an ihrer unendlichen Vielfalt und daran, daß ihr eine
einsehbare Struktur fehle. Daraus folgt: Der Mensch muß sich die
unüberschaubare Fülle erfahrbarer Einzelheiten erst zugänglich machen, indem er
- je nachdem, was er erkennen will - daraus auswählt und die ausgewählten Daten
unter bestimmten Ordnungsgesichtspunkten zusammenstellt. Das Bild der
Wirklichkeit, das so entsteht, ist dann von der um Wissen bemühten Person
gestaltet worden. Häufig stehen Menschen bei kreativem wissenschaftlichen
Arbeiten im Austausch miteinander, so daß sie nicht als isolierte Einzelne,
sondern sozial dem ausgewählten Aspekt der Realität eine Form geben. Sowohl für
wissenschaftliches Arbeiten als auch im lebenspraktischen Bereich spricht man
daher von der "sozialen Konstruktion der Wirklichkeit".
Im zwischenmenschlichen Nahbereich kommt es zuweilen zu dem Vorwurf: "Du kennst
mich ja gar nicht wirklich, du machst dir nur ein Bild von mir!" Diese
Anschuldigung hat die an den Naturwissenschaften - szientistisch genannte -
Erkenntnistheorie zur Voraussetzung. Auf dem Boden der theoretischen Methode
der VS wäre sie unbegründet. Man könnte seinem Gegenüber erwidern, daß die
Erwartung ganz unrealistisch sei, einer könne den anderen vollständig und so,
wie sie oder er von sich aus tatsächlich ist, unverfälscht erkennen. Ein
solches Erkennen ist dem Menschen nicht möglich, und der Einzelne muß
eingestehen, daß er nicht einmal sich selbst eindeutig erkennen kann. Sich "ein
Bild zu machen" ist ein - aus der Sicht der VS unvermeidbares - Zugeständnis an
die begrenzten menschlichen Möglichkeiten.
Weil das Wissen, das Menschen sich aneignen, auf die bestimmte Lebenssituation
bezogen bleibt, in der gerade gehandelt werden muß, ist es weder
allgemeingültig noch unverlierbar ewig gültig. Darum führt die
Erkenntnistheorie der VS nicht zu einer Enzyklopädie. Max Weber wendet das
positiv und schreibt von der Jugendlichkeit aller historischen Disziplinen,
"denen der ewig fortschreitende Fluß der Kultur stets neue Problemstellungen
zuführt. Bei ihnen liegt die Vergänglichkeit aller, aber zugleich die
Unvermeidbarkeit immer neuer idealtypischer Konstruktionen im Wesen der
Aufgabe" (Weber, 1951: 206).
2. Sitz der Wirklichkeit: außen oder innen?
Die Vertreter der szientistischen Erkenntnistheorie, nach der für den Menschen
früher oder später alles Existierende zugänglich und daher wißbar wird, sehen
den Sitz der Wirklichkeit in dem, was die Person umgibt, was also außerhalb
ihrer liegt. Der einzelne Forscher wirkt aus dieser Sicht wie eine Kamera. Sie
wird auf die Dinge gerichtet, die ihm begegnen, und läßt gleichsam auf dem
Bildschirm seines Bewußtseins präzise Abbildungen dessen entstehen, was da
draußen vorliegt. Der Sitz der Wirklichkeit ist insofern außen; was innen
geschieht ist nur die Herstellung einer Kopie.
Anders sehen das die Vertreter der VS: Was ein Mensch für die Wirklichkeit
hält, mag ganz falsch sein, aber dennoch wird er aufgrund dessen handeln, was
er für sich als wirklich hinnimmt. Des Denken und Handeln des Einzelnen mag von
der Realität "da draußen" weitgehend abgekoppelt sein, es ist gleichwohl
wirklich in dem Sinn, daß es geschieht: man wird es schwerlich ignorieren
können. Ein Therapeut kann nicht mit Aussicht auf Erfolg einem Ratsuchenden
schlicht mitteilen, was er meint sei falsch. Er muß sich zunächst auf das
einlassen, was seinem Gegenüber als wirklich erscheint, und das gilt nicht nur
im Austausch zwischen Therapeut und Patient. Jeder wird jedem, den er
ernstnehmen will, zugestehen, daß er oder sie einen Aspekt der Realität in sich
trägt. So gesehen, ist Sitz der Wirklichkeit die Innenseite der Person.
3. Theorietypen: Reproduktion oder Konstruktion ?
Von einer Reproduktion spricht man, wenn eine Vorlage möglichst getreu
nachgebildet wird. Dazu paßt auch das Bild von dem Menschen als Kamera, der in
seinem Bewußtsein die ihm außen vorliegenden Objekte reproduziert. Aber in
diesem dritten Punkt unserer Skizze der Vorgehensweise der VS geht es nicht um
außen oder innen, sondern um Typen von Theorien. Der Ansatz, gegen den sich die
VS durchsetzen mußte, betrachtete Theorien als Modelle der Wirklichkeit. Wenn
uns während unserer Schulzeit die Theorie unseres Sonnensystems erläutert
wurde, lernten wir darin ein Abbild dessen sehen, was - soviel wir wissen - bei
der Umkreisung der Sonne durch die Erde und die anderen Planeten tatsächlich
geschieht. Eine solche Theorie hat die Aufgabe, die Realität, auf die sie sich
bezieht, modellhaft zu reproduzieren.
Im Zusammenhang mit der Methode der VS hat Theorie eine andere Aufgabe: Sie ist
nicht Abbild oder Modell, sie verhält sich nicht zu ihrem Gegenstand wie die
Landkarte zur Landschaft, sondern sie ist vergleichbar einer Brille oder einem
Fernglas, mit dem man eine Landschaft sichtbar macht. Sie soll Hilfsmittel bei
der Gewinnung von Einsichten sein. Wie man eine Brille nicht dann besonders
schätzt, wenn sich die Gegenstände darin spiegeln, so auch eine verstehende
Theorie nicht, wenn sie Reproduktion ist. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, Zugang
zu Erkenntnissen zu eröffnen, die sonst unzugänglich bleiben würden. Das gilt
z.B. für die Idealtypen, mit denen Max Weber zu arbeiten vorschlägt, und mit
denen er selbst gearbeitet hat. Einen Idealtyp als Konstruktion kann man daher
nicht sinnvoll durch einen Vergleich mit der Wirklichkeit beurteilen. Ähnlich
wie ja ein Fernglas nicht der Landschaft ähneln kann, die man damit anschauen
will, kann auch nicht von einer verstehenden Theorie erwartet werden, daß sie
ihren Gegenstand abbildet. Gleichwohl muß auch eine solche Theorie einem
kritischen Test unterworfen werden können.
Eine verstehende Theorie kann nicht danach beurteilt werden, ob die darin
enthaltenen Aussagen mit der vorfindbaren Wirklichkeit übereinstimmen, sondern
danach, ob man mit ihrer Hilfe die Wirklichkeit besser erforschen und erkennen
kann. Das ist darum so, weil man in der VS die Theorie als heuristische
Konstruktion versteht, also als ein gedanklich gestaltetes Hilfsmittel der
Erkenntnisgewinnung. Sie ist also nicht Abbild oder Modell, das danach bewertet
wird, ob es "naturgetreu" ist. Der Theorietyp der VS muß danach eingeschätzt
werden, was er zum Erarbeiten neuer Einsichten beitragen, was er leisten kann.
4. Stellung des Subjekts: ausgeblendet oder einbezogen ?
Die szientistische Forschung setzt Datensammlungstechniken voraus, durch deren
sachkundige Anwendung sichergestellt wird, daß die erzielten Resultate
unabhängig davon sind, welche Person die Datensammlung durchführt. Alles
Subjektive wird als "bias" identifiziert und nach Möglichkeit ausgeblendet. Der
Anspruch, "Objektivität" im szientistischen Kontext zu erzielen, legt es auch
nahe, die Forschungsergebnisse im Namen der Soziologie - oder sogar der
Wissenschaft allgemein - vorzulegen und nicht etwa als die persönliche
Überzeugung eines einzelnen Verfassers. Das ist übrigens die Konsequenz aus der
in Punkt 2 skizzierten Annahme, daß der Sitz der Wirklichkeit außen ist. Dort
hat sie ihren Ort, dort muß man sie also auch aufsuchen und gleichsam für sich
selbst sprechen lassen.
Weil für die VS der Sitz der Wirklichkeit nicht außen, sondern innen ist, weil
im Kontext der VS außerdem die Theorie durch Konstruktion entstanden ist, muß
man als Leser oder Zuhörer wissen, welche Person die Fragestellung formuliert,
die Erhebung durchgeführt, die theoretischen Konzepte konstruiert hat. Die
Beteiligung des forschenden Wissenschaftlers ist so wichtig, daß man ihn oder
sie als Person berücksichtigen muß, um die Ergebnisse beurteilen zu können. Das
Subjekt kann also aus der Sicht der VS gerade nicht ausgeblendet, es muß in den
Diskurs ausdrücklich eingezogen werden. Daraus ergibt sich die Pflicht des
verstehenden Soziologen, sich als Person, seine Vorannahmen, seine
idealtypischen oder anderen Theoriekonstruktionen ausdrücklich zur Diskussion
zu stellen (anstatt sie stillschweigend seinem Leser unterzuschieben).
5. Wirklichkeitstest: Ist das Wissen wirklich, weil es einem Gesetz folgt oder
weil es zum Handeln anleitet?
Die Erwartung, man könne in der Gesellschaft Gesetze entdecken, die objektiv
vorhanden sind und die der forschende Soziologe nur aufzufinden braucht, geht
auf die frühesten Anfänge des Faches zurück. Auguste Comte wollte die neue
akademische Disziplin ursprünglich "Soziale Physik" nennen, um diese Erwartung
zum Ausdruck zu bringen. Auch Max Weber erwähnt (Weber, 1951: 188) die Neigung,
Wirtschaftstheorie nach dem Vorbild einer Naturwissenschaft zu betreiben. Das
lehnt er selbstverständlich ab als eine Analogie, die "hie und da
phantastischerweise in Anspruch genommen" wurde, um "aus gegebenen realen
Prämissen quantitativ bestimmte Resultate - also Gesetze im strengsten Sinne -
mit Gültigkeit für die Wirklichkeit des Lebens deduzieren" (ebd.) zu können.
Wer so methodisch vorgeht, müsse allerdings unterstellen, daß "die Wirtschaft
des Menschen... eindeutig 'determiniert' sei" (ebd.) wie die Natur dem
Physikers oder Astronomen noch im 19. Jahrhundert erschien.
Der Wirklichkeitstest, dem die gewonnen Erkenntnisse unterworfen werden, sieht
im Kontext des szientistischen Ansatz so aus: Die vielen Einzeldaten müssen
sich in einen Gesetzeszusammenhang einfügen. Das kann man dadurch sichtbar
machen, daß man einen Kurvenverlauf auf Millimeterpapier einträgt und sich dann
davon überzeugt, daß die ermittelten Meßdaten möglichst genau dem Verlauf der
Kurve folgen. Ist dies der Fall, dann kann der innere Zusammenhang der Daten,
den die Kurve optisch zum Ausdruck bringt, auch als mathematische Formel
ausgedrückt werden. In der Volkswirtschaftslehre der Gegenwart ist die Neigung
zur Mathematisierung weit verbreitet.
Ob die gewonnen Erkenntnisse der Forschung sich in Gesetzesform bringen lassen
oder nicht, ist für die theoretische Methode der VS nicht interessant. Worauf
es vielmehr ankommt, ist die Bewährung der jeweiligen Einsicht in menschlichem
Handeln. Das wird am deutlichsten als Prinzip des "philosophischen
Pragmatismus" von William James formuliert: "Beliefs, in short, are really
rules for action; and the whole function of thinking is but one step in the
production of habits of action. If there were any part of a thought that made
no difference in the thought's practical consequences, then that part would be
no proper element of the thought's significance" (James, 1898, zitiert nach
James 1978: 123). James hatte sich über die Gedankengebäude spekulativer
Theologie geärgert. Gegen solch handlungsfernes Denken richtet sich sein
Pragmatismus. Wissenschaftliche Ergebnisse sind demnach insoweit wahr (und
stellen einen Erkenntnisfortschritt dar), als sie dem Menschen helfen,
wirksamer zu handeln.
6. Inhalt und Form: "Framing" als Konstruktionsprozeß
Die Unterscheidung von Inhalt und Form als erkenntnistheoretischer Kunstgriff
der VS geht auf Georg Simmel zurück, ist allerdings bei der Rezeption seiner
Schriften oft falsch verstanden worden. Simmel war von dem Werk Spinozas
beeindruckt und hat bei ihm wichtige Anregungen dazu aufgenommen. Spinoza
kannte den Dualismus des René Descartes, der die Welt des Wißbaren nach den
Kategorien cogitatio und extensio unterschieden hatte. Damit bezeichnete
Descartes die Wirklichkeit der Gedanken und Ideen einerseits (cogitatio) und
die Welt der Dinge andererseits, deren Ausdehnung (extensio) man messen kann.
Für ihn verbergen sich hinter der Zweiteilung des Descartes zwei Sichtweisen,
von denen man jede auf die ungeteilte Einheit der Wirklichkeit anwenden kann.
Sie ist also für Spinoza nicht von sich aus zweigeteilt in Ideen und Sachen,
sondern sie erscheint dem Menschen bald als Welt des Denkens, bald als Welt der
Dinge, je nachdem mit welcher Brille er sie anschaut. Bei diesem Beispiel ist
die ungeteilte Wirklichkeit des Spinoza der Inhalt, den der Betrachter dann
entweder in die Form der cogitatio oder in die Form der extensio bringt.
in anderes Beispiel ist der Traum: Im Buch Genesis der Bibel wird Joseph von
seinen Brüdern gehaßt, weil ihr Vater ihn mehr liebt als seine übrigen Söhne.
Trotz dieser ungünstigen Ausgangslage erzählt Joseph seinen Brüder von einem
Traum, in dem sie und er zusammen auf dem Feld arbeiten. Sie binden das
Getreide in Garben und stellen sie zum Trocknen, doch Josephs Garbe "richtete
sich auf und blieb stehen" (Genesis 37, 7), während er von seinen Brüdern
geträumt hatte: "eure Garben aber stellten sich ringsum und verneigten sich vor
meiner Garbe" (ebd.). Erstaunlich ist der Ernst, mit dem die Brüder auf den
Traum reagieren. Die Stimmung verschlechtert sich dramatisch; denn sie werden
noch zorniger auf Joseph als sie ohnehin schon waren, weil sie in dem Traum die
Ankündigung seines Herrschaftsanspruchs über sie sehen. Dabei wäre es doch
denkbar gewesen, daß sie die ganze Angelegenheit unwichtig finden und zur
Tagesordnung übergehen, weil es sich eben nur um einen Traum gehandelt hatte.
Die bildhafte Vorstellung von der Getreide-Ernte und dem auffälligen Verhalten
der gebundenen Garben sind der Inhalt. Ob die Brüder des Joseph den Traum als
Vorschau auf eine zukünftige Wirklichkeit oder nur als Illusion deuten, ist
eine Frage der Form, in die sie den geträumten Inhalt bringen. Solche
Entscheidungen, in denen bestimmten Inhalten alternative Formen zugesellt
werden, durchziehen das Alltagsleben der Menschen: Der eine macht eine
Bemerkung im Scherz, die der andere in die Form der Kränkung bringt usw. Der
verstehende Ansatz setzt sich das Ziel, die Formgebungsprozesse, die Erving
Goffman als "framing" bezeichnet, zu untersuchen (Goffman, 1974).
Im Anschluß an die Punkte 1 und 3 dieser Skizze kann der Vorgang des "framing"
als soziale Konstruktion von Wirklichkeit gesehen werden. Dabei stehen dem
Wissenschaftler die zum Zweck der Erkenntnisgewinnung konstruierten Idealtypen
als Formen zur Verfügung. Z.B. wird der historische Materialismus des Karl Marx
von Georg Simmel als eine Form interpretiert, mit der man wirtschaftliche
Zusammenhänge stark vereinfacht untersuchen kann. Daß Marx darin ein Abbild der
Wirklichkeit gesehen hat, findet Simmel ganz abwegig. Wie Descartes die
Realität tatsächlich zweigeteilt glaubte, und Spinoza dann in den beiden
Alternativen nichts als unterschiedliche Sichtweisen sah, so glaubt Marx die
Geschichte tatsächlich von wirtschaftlichen Vorgängen determiniert, doch Simmel
sah darin eben nur eine recht fruchtbare Art der Betrachtung (Simmel, 1923,
Simmel 1992, Helle, 1997: 112f).
Im Lebensalltag stehen zur Wirklichkeitskonstruktion vielfältige Formen bereit,
die der Einzelne seiner Kultur entnehmen kann. Simmel weist auf die großen
Formungszusammenhänge hin, die der ganzen ungeteilten Wirklichkeit Gestalt
geben können: Das sind Kunst, Religion, Wissenschaft und - erstaunlicherweise -
Realität. Ihm stehen nicht mehr - wie bei Descartes und Spinoza - nur cogitatio
und extensio zur Verfügung. Nach Simmels Überzeugung ist es möglich, alles in
der Perspektive der Kunst zu sehen, oder alles durch die Brille der Religion
oder der Wissenschaft. Und ob wir den Inhalt eines Traums für eine Illusion
halten oder für einen Aufruf zum Handeln, hängt davon ab, ob wir ihm den
Bezugsrahmen der Realität zuerkennen oder nicht. In Verlängerung des Konzepts
von der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit wird die VS der Zukunft die
Bedingungen untersuchen müssen, unter denen die Herstellung von Gewißheit
interaktiv gelingt.
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B. Erkenntnistheoretische Vorarbeiten
Eines der besser bekannten Werke Spinozas ist sein Theologisch-politischer Traktat (Tractatus theologico-politicus, 1670). Darin gibt der Autor seinen Lesern Ratschläge über den Umgang mit der Bibel. Er empfiehlt, wie ein Jude die Thora oder ein Christ das Alte Testament der Bibel lesen solle. Spinoza weist darauf hin, daß Gott z.B. in einer bestimmten Situation einen Propheten berufen habe, der vor dieser göttlichen Intervention sein Leben in einem weltlichen Beruf verbracht hatte. Wenn dieser neuerwählte Prophet nach erheblichem Zögern sich schließlich damit einverstanden erklärt, als Prophet tätig zu werden, dann wird der die Prophezeiungen, die er verkündet, in der Metaphorik formulieren, die sich aus seiner früheren Berufstätigkeit ergibt. So wird er die Offenbarung des göttlichen Willens in Bildern darstellen: Falls der Prophet ein Bauer war, werden Gottes Absichten ihm als Ochsen und Kühe erscheinen, falls er ein Soldat war, wird er einen Oberbefehlshaber vor sich sehen, der die himmlischen Heerscharen kommandiert und falls es sich um einen Höfling handelt, wird ihm der Thron eines Königs und die damit verbundene Prachtentfaltung höfischen Lebens als Metaphorik für die Verkündigung dienen. Der Prophet nimmt also eine Konstruktion vor, die sich rekonstruieren - also verstehen - läßt, wenn man seinen ehemaligen Beruf kennt.
Spinoza schließt daraus, daß es beim Lesen der heiligen Schriften weder darauf ankommt, die Formulierungen wörtlich in sich aufzunehmen, noch die Metaphern mit positivistischer Genauigkeit zu registrieren. Statt dessen empfiehlt er, zu unterscheiden zwischen der Sprache als einem Werkzeug für den Transport von Inhalten einerseits und dem angezielten Sinn als Bezugsrahmen andererseits. Der Aufruf Spinozas gipfelt in der Mahnung, der Leser der Bibel möge sich auf das konzentrieren, was Gott seinen Gläubigen durch den Mund der Propheten mitteilen wollte, und nicht auf die Metaphorik, die der betreffende Prophet als Folge seiner früheren Alltagsroutine, die im beruflich vertraut war, in seinen Prophezeiungen zum Einsatz bringt. Wie zu erwarten war - und ganz gewiß unter den Bedingungen des 17.Jahrhunderts - geriet Spinoza mit dieser Leseempfehlung in Schwierigkeiten: Er erschien vielen seiner Zeitgenossen als Häretiker und Ungläubiger.
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